Wir trauern um Prof. em. Dr. Jürgen Zimmer, der am 21. August 2019 in Chiang Mai, Thailand, verstorben ist.

Für die step stiftung, Berndt Tausch und Barbara Mayer

Zimmer

Lieber Jürgen,

jetzt sitze ich hier und suche nach Worten, mit denen ich Dir meinen großen Dank ausdrücken kann.

Alles begann im Januar 2004, als unsere Familie im Norden Thailands unterwegs war. In einem Guesthouse erfuhren wir von der Existenz der School for Life. Wir machten uns von Chiang Mai aus auf den Weg zur Farm „Suan Suoi Fha Sai“ – lichter Himmel über schönem Garten – dem Campus der School for Life. Dort erlebten unsere damals 3- und 5-jährigen Kinder gemeinsam mit den Waisenkindern der Bergethnien ihren ersten Schultag in der von Thaneen „Joy“ Worrawittaya und Dir 2003 gegründeten School for Life, Chiang Mai.

Beim ersten Zusammentreffen im Café Einstein in Berlin gemeinsam mit Peter Rudnick, erfuhr ich, dass Dein Bruder Dirk 1990 die Diplomarbeiten meiner Frau und mir im Fach Psychologie betreute. Zufall oder Bestimmung? Aus der Kombination von Zufall und Absicht ergeben sich Geschicke, die wiederum andere Geschicke nach sich ziehen, blind nach Ansicht einiger, unabwendbar nach Ansicht anderer oder, wie wieder andere meinen, mit einer von uns noch nicht erkannten Absicht.

Unsere Absicht war es, ein Projekt zu finden, das durch die neu gegründete step stiftung  gefördert werden konnte. Wir waren gleich begeistert, als Du uns das pädagogische Konzept der Schule mit den Leitzielen Autonomie, Solidarität und Kompetenz erläutert hast. Als Grundlage der Zusammenarbeit wurde in einem Memorandum of Understanding vereinbart, dass die step stiftung für den Sport- und Bewegungsbereich mitverantwortlich ist.

Nur wenige Wochen danach veränderte die Tsunami-Katastrophe am 26. Dezember 2004 die Welt. Deine Bereitschaft, sofort zu helfen und in das Katastrophengebiet im Süden Thailands zu reisen, zeigt deinen großen Einsatzwillen für eine humanere Welt. Unmittelbar nach der Katastrophe hast Du in Deutschland eine Kampagne gestartet, um Mittel zu akquirieren und Geldgeber zu finden. Es entstanden zwei neue Schools for Life im Süden Thailands, die als „Open Learning Communities“ (UNESCO) thailändische Werte und Traditionen widerspiegeln und diese in Form eines „Global Village“ mit der Moderne verbinden sollten. In der Beluga School for Life in Na Nai und der School for Life in Kapong sollten bald bis zu 180 Kinder und 25 Erwachsene ein neues Zuhause finden. Unter dem Motto „The best for the poorest“ sichern die Schools for Life deren Existenz, geben ihnen eine neue Heimat, betreuen sie psychosozial und bieten ihnen eine erstklassige Bildung.

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Du hast mich immer wieder ermutigt, Lernabenteuer einzugehen, die ich ohne Dein Vertrauen und Deinen Zuspruch nicht gewagt hätte. Unvergessen bleibt mir die „Reise der Verwunderung“ im Frühjahr 2005. Eine sozialgeographische und kulturgeschichtliche Reise mit den School for Life-Kindern von Chiang Mai nach Na Nai, wo die neue Beluga School for Life gebaut wurde. Du hast neue Situationen immer als Lernchancen  begriffen.

„Wenn ich lernen will, auf die eigenen Füße zu fallen, dann setze ich mich doch nicht in ein Klassenzimmer“ hast Du einmal in einem Interview gesagt.

Die Entwicklung des Situationsansatzes ist Dir zu verdanken. Du hast ihn als Einladung  interpretiert, Probleme in der Wirklichkeit zu lösen statt Scheinprobleme im Klassenzimmer.

„Es ist ein Lernen im Blick auf kleine konkrete Utopien, der Versuch, sie zu verwirklichen und länger als einen Augenblick zu bewahren“, schreibst Du in Deinem Buch „Das halbbeherrschte Chaos“(2012, S. 25).

Du hast den Situationsansatz gelebt, praktiziert und immer wieder erweitert, um ihn an neue Lebenswelten anzupassen. Du hast Dich mit anderen auf neue Situationen eingelassen, sie zur Lösungsfindung angestiftet, ohne selbst den richtigen Weg zu kennen. Diese Art von Lernabenteuer drückt sich in dem Satz von Herman Melville in seinem Buch „Israel Potter“  (2002) sehr gut aus: „Die Laufbahn eines hartnäckigen Abenteurers erweist sinnfällig den Grundsatz: Wer im Großen Erfolg haben will, darf nicht auf glatte See warten, die es nicht gegeben hat und nicht geben wird, sondern er muss mit der zufälligen Methode, über die er nun einmal verfügt, und mit aller Verblendung auf sein Ziel zustürzen und das übrige dem Glück überlassen; denn alle menschlichen Verhältnisse sind von Natur aus unübersichtlich, da sie einer Art halb beherrschtem Chaos entspringen und von ihm unterhalten werden.“ Nicht ohne Grund trägt Dein Buch, das Reportagen, Essays und Portraits aus 50 Jahren Deines kreativen Wirkens beinhaltet, den Titel „Das halb beherrschte Chaos“. Dort schreibst Du, „ich liebe Geschichten, wahre, halbwahre und erdachte, die Kamerafahrten ähneln und nahe herangehen“.

Günter Faltin hat einmal gesagt, Du seist jemand, der mit Begleitern an einem Ufer steht und erklärt, dass auf der anderen Seite das gelobte Land liege. Wir müssten nur eine Brücke bauen. Du würdest die ersten drei von fünfzehn Pfeilern mit bauen und Dich dann von dannen machen, um an einem anderen Ort wieder an einem Fluss mit neuen Begleitern wieder das gelobte Land auf der anderen Seite zu preisen und so weiter und so weiter.

An diesem Bild ist sicher was dran. Auch ich durfte mit Dir an einem dieser Ufer stehen. Das allerwichtigste ist, dass man auf der anderen Seite ankommt. Höchstwahrscheinlich sieht die Brücke ab dem vierten Pfeiler anders aus. Hauptsache die Pfeiler tragen. Das Design ist dann zweitrangig.

Du warst ein begnadeter Geschichtenerzähler. Es war Deine große Begabung und Leidenschaft, mit Worten und Geschichten zu jonglieren und die Situationen der Kinder in der School for Life anschaulich, lebendig und wertschätzend zu beschreiben. Dabei ging es Dir insbesondere darum, das Potenzial der Kinder zu entdecken und zu fördern.

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Es wird mir sehr fehlen, Deine Stimme zu hören, Deinen Visionen andächtig zu lauschen, neue Ideen auszuhecken, die nächste Situation zu entdecken oder gemeinsam mit Dir in schwülen Tropennächten Filme zu schauen.

Du warst für mich ein väterlicher Freund, ein Ermutiger und Bekräftiger, getragen von Empathie und Wertschätzung.

Die Zeit, in der wir uns kannten und schätzten war geprägt von Deinem Unterwegs-Sein. Man wusste nie genau, wo Du Dich gerade aufhältst. Gleichwohl war man gewiss, dass Du zurückkommst und wir uns wiedertreffen.

Jetzt weiß ich, wo Du bist, aber gleichzeitig habe ich die traurige Gewissheit, dass Du nicht mehr wiederkommst.

Lieber Jürgen, ich wünsche Dir nur Gutes für Deine nächste Reise. Ich bin Dir so dankbar für die gemeinsame Zeit, die Du mir geschenkt hast.

In Liebe und Dankbarkeit,

Berndt

Alle Fotos auf dieser Seite © www.school-for-life.org