11 Etappe: Der Balkan als Black Box

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Es geht auf den Balkan

Ab Rom steigern wir die Geschwindigkeit. Wir nehmen die Öffentlichen Verkehrsmittel, die wir bislang gemieden haben. Ein viel zu schneller Bus bringt uns von Rom über Neapel nach Bari. Die ItalienerInnen scheinen von der Schnellig- und Ruppigkeit allerdings nicht sonderlich beeindruckt zu sein. Ich mache mir hingegen Sorgen, insbesondere wenn wir Brücken passieren, weil das Unglück von Genova noch nicht so lange her ist.

Vor mir sitzt ein junger Italiener, der die sechs Stunden damit verbringt, sich durch die schönsten Frauenbilder zu wischen, die Facebook oder Instagram so zu bieten hat. Ich werde wütend und denke an die vielen Menschen, die sich oberflächliche Bewertungen und Kommentaren zu Herzen nehmen und dabei ihre Zeit in den digitalen Welten vergeuden.

Ich versuche mich in mein Buch zu vertiefen. Der Titel lautet: „Zukunft der Demokratie“ und ich bin genau bei der Frage, wie diese in Zeiten der Digitalisierung aussehen wird.

Endlich sind wir in Bari. Wir laufen den Hafen entlang und sind wieder am Meer. Wir erkundigen uns nach einer Überfahrt nach Albanien. Bei der Gelegenheit werden wir von einem Mann mit italienisch-albanischen Wurzeln angesprochen. Wir sollten ihm unsere Pässe geben und wir könnten so ein günstigeres Ticket erwerben. Wir sind skeptisch und fragen ihn, was dahinter steckt. Er erklärt uns, dass er eine Gruppe von über fünf Leuten zusammen kriegen muss und er für uns zusammen dann ein Gruppenticket kauft und daran vier oder fünf Euro verdient. Wir versichern uns am Infopoint über die Ermäßigung, wo sich herausstellt, dass dort eine ganz nette Bekannte des Mannes arbeitet, die uns sagt, dass wir uns keine Gedanken machen sollen. Sie fügt hinzu: „Loro devono vivere.“ Nach dem Motto: Auch sie müssen von irgendetwas leben. Ich stelle es mir anstrengend vor, den Leuten – meistens Touristen – tagtäglich hinter her zu laufen und sie von diesem Verfahren zu überzeugen.

Schließlich sind wir in der Eingangshalle des Hafens und treffen auf Carlos aus Spanien und auf Lefteres aus Griechenland. Gemeinsam mit ihnen sind wir die einzigen Touristen auf der Fähre. Wir haben eine gute Zeit auf dem Schiff, das uns über Nacht nach Albanien bringt. Carlos war schon in diversen Hotspots der Flüchtlingshilfe während seiner Ferien tätig und hat dort als Seenotretter gearbeitet. Er hat ein abgeschlossenes Studium – dennoch arbeitet er Schichtweise in einer Bibliothek. Lefteres, Astrophysiker, ist an seiner Doktorarbeit, die er rund um das Thema Asphalt schreibt. Er ist ein Umweltaktivist, der sich seine Ideale im Beruf zu nutze machen will.

Nächsten Morgen verabschieden wir uns herzlich und tauschen Nummern aus. Vielleicht sieht man sich ja wieder?

Nur kurz dauert die Verabschiedung, denn wir sind von unserer neuen Umwelt beeindruckt und zugleich schockiert. Unsere erste Erfahrung auf dem Balkan sind bettelnde Mädchen, die aus Roma-Familien stammen. Es ist erschreckend, wie sie sich mit 10 oder 11 Jahren an die Körper der schicken Männer anschmiegen und uns über die Arme streicheln und mit einem Mitleid erregenden Blick uns zu überzeugen versuchen, ihnen etwas Geld zu geben.

Wir beobachten sie noch eine Weile, wie sie rennend das Hafengelände überqueren und hemmungslos in ihren Methoden sind. Wie kommt es zu einem solchen Verhalten?

Das macht uns erst einmal betroffen und mit diesem Gefühl ziehen wir Richtung Dürres – Zentrum. Was wir dort erleben, ist für uns neu. Auch wenn Lutz natürlich seine eigenen Erfahrungen aus Indien im Hinterkopf hat.

Männer und Frauen bieten ihre Ware auf der Straße an – manchmal in Eimern – manchmal in Säcken oder auf Stöcken. Ladenbesitz können sich nur Bäckereien oder Metzgereien leisten.

Ein Mann sitzt hinter einem Haufen Granatäpfeln. Er legt sie auf die eine Seite der Waage und legt seine Gewichte auf die andere Seite. Mich versetzt der Anblick in eine erstrebenswerte, längst vergangene Zeit. Und doch steht dem Mann das Glück nicht ins Gesicht geschrieben.

Weiter laufen wir – immer anschauenden Blickes der Bevölkerung – als neben uns ein Lastenfahrrad auftaucht. In dem großen Sack sammelt der Mann Müll von der Straße. Ob er dafür bezahlt wird? Was er damit anfangen kann?

Ich gehe auf eine Toilette in ein Café und stelle fest, dass das hier bedeutet, ein Loch im Boden zu haben. Das soll die „türkische Variante“ sein – dann finde ich sie jedenfalls nicht sonderlich ansprechend. Aber ich arrangiere mich – nur nicht mit dem Mangel an Klopapier, Wasser und der Seife.

Wir gehen weiter Richtung Busbahnhof. Den erkennt man an den Stimmen der Männer, die die Städte Albaniens laut ausrufen. Wir wollen in die Hauptstadt Tirana und werden in den richtigen Bus gesetzt. Die Fahrt dauert eine knappe Stunde, in der nicht gelesen, sich kaum unterhalten wird, aber auch kaum Jemand mit seinem Handy oder Smartphone beschäftigt ist. Die Leute schauen sich die Landschaft an und beobachten den Verkehr.

In den nächsten Tagen werden wir immer wieder beobachten, dass die Menschen hier schauen und warten, beobachten und ihre Hände hinter dem Rücken falten.

Hier ist der Alltag nicht schnell, hier machen die Menschen nicht alles gleichzeitig, weil sie viel zu viel Zeit haben für ihre Aufgaben.

Menschen, die hier zu viert die Arbeit von Einem verrichten, das Autochaos als einziges Zeichen davon, dass etwas in Bewegung ist.

Tirana ist die erste Hauptstadt, in der ich nach einer Stunde das Gefühl habe, alles gesehen zu haben. Für Sehenswürdigkeiten fährt man wohl nicht auf den Balkan, sondern um das langsame Leben der Menschen mitzuerleben und sich dabei zu ertappen, dass die eigene Ungeduld in diesem Land eine harte Probe ist.

Die Touristen der Stadt sind Backpacker, die eine Auszeit vom Wandern suchen. Und da die Stadt nicht allzu viel zu bieten hat, tummeln sie sich im und um das Hostel, das hinter einer abgeschirmten Mauer gegenüber vom Haus einer Roma-Familie liegt. Dort hat das Haus keine Fenster – Müll umgibt das Grundstück, Stromkabel hängen die Mauer runter, Zimmer sind voll bis obenhin und ich frage mich nach der Herkunft der Menschen und ihrer Prägung. Wieso werden diese Merkmale mit Roma verbunden? Was bedeutet hier Kultur und wenn es sie gibt, woher kommt sie? Auf unserer Reise werden wir noch hin und wieder auf diese Minderheit stoßen.

Wir entfliehen schließlich der Stadt und machen uns auf, die „Peaks of the Balkans“ zu besteigen. Der Wanderweg führt uns von Albanien über Montenegro in den Kosovo. Der Weg zum Einstieg geht über Skodher, wo die Muezzin-Rufe ertönen. Von dort aus fahren wir mit einem Mini-Van zum Koman Lake. Eine Fähre bringt uns drei Stunden zu den schönsten Fjorden in den Bergen Nordalbaniens. Auf der Fähre treffen wir einen pensionierten UN-Diplomaten aus London. Er reist allein und tut dies mit großem Vergnügen. Gespannt ist er, das ehemalige Jugoslawien zu bereisen, mit dem er sich im Beruf so lange beschäftigt hat. Wir reden über Schulen in England, unsere Reiseverläufe und natürlich über den Brexit. Er prophezeit eine zweite und ggf. dritte Abstimmung, um zwischen der ersten und zweiten Abstimmung zu entscheiden. Ein Schock war das Ergebnis für ihn. Heute ist er sich ganz sicher, dass die Menschen die Abstimmung für einen Protest instrumentalisiert haben, der nur am Rande mit der EU zu tun hatte. Brexit-Befürworter hätten sich in einem Sammelbecken für Unzufriedene  befunden. Es war ein Voting gegen die Regierung, die Arbeitslosigkeit, die veränderten Arbeitsbedingungen, den Strukturwandel etc. Es sei gefährlich und fahrlässig gewesen, in dieser Zeit eine Abstimmung zu riskieren. Alle waren sich zu sicher, dass der Brexit nicht durchgeht. Jetzt meint er, sei es schwer zurückzurudern. „Wer will uns jetzt noch haben, wo wir immer die Sonderrolle in der EU eingenommen haben?“ Nun wünscht er sich, dass der Brexit durchgezogen wird, damit die Glaubwürdigkeit des Landes aufrecht erhalten werden kann.

Es ist schön, seinen muttersprachlichen Ausführungen zu folgen. Drei Stunden führt es uns an den schönsten Fjorden, die ich je gesehen habe. Immer wieder werden wir von kleinen Booten begleitet, die dann in einem Seitenarm verschwinden.

Nach der Fährüberfahrt bringt uns ein Mini-Van bis nach Valbona – einem herbstlichen Paradies, das in Kanada kaum schöner sein kann. Die aufragenden grauen Berge umhüllt von herbstlich-buntem Wald ist bei strahlend-blauem Himmel ein Ort, an dem man Einsiedlerin werden möchte. Wir bleiben an diesem Tag an Ort und Stelle, um die Landschaft zu genießen. Wir nächtigen auf einem Hof, wo es traditionelles Essen gibt, eine Stube mit offenem Feuer und gastfreundliche Menschen. Am Abend werden wir von einer jungen transnationalen Migrantin angesprochen. Geboren in Albanien, mit 10 Jahren nach Frankreich emigriert, sitzt sie heute in dem schönsten Nationalpark Albaniens mit uns am offenen Kamin. Sie kehrt für die Ferien immer gerne zurück und fühlt sich verbunden mit dem Land. Aber all ihr Wissen und ihre sprachlichen Kenntnisse in Englisch und in Französisch sind für sie einfach ein großer Zugewinn. Sie ist sehr glücklich für diesen Schritt ihrer Eltern, auch wenn der Anfang schwierig war. Heute hat sie viele FreundInnen in Frankreich und hat hohe berufliche Ziele.

Bevor wir am Morgen aufbrechen, geben wir einem jungen deutschen Pärchen ein paar Dinge mit, die wir in Deutschland wieder einsammeln wollen. Sie leihen uns ihren Wanderführer für die Region. Jetzt haben wir nach unserer Reise noch einen Grund, sie in Augsburg zu besuchen.

Dann geht es los – es ist unsere erste Wanderung in einem Gebiet, das nicht in der EU liegt und keine Bergrettung garantiert. Wir wissen von Bären, Wölfen und der giftigsten Schlange Europas. Vor zwei Jahren ist der erste Reiseführer herausgebracht worden und wir hoffen, dass uns dadurch ein paar Menschen begegnen. Es ist ein vorsichtigeres Laufen – wir sind aufmerksam und meistens leise. Gespräche verschieben wir auf Pausen und die Ankunft am Abend. Es ist atemberaubend: Wir besteigen die Berge aus den Karl May Filmen und befinden uns in einem landschaftlichen Paradies, das im Herbst einen besonderen Charme hat.

In den nächsten Tagen werden wir durch wunderschöne Landschaften laufen und an alten Hirten-Häusern vorbeikommen. Manchmal geht man in Häuser hinein, wo ein riesiger Topf über dem Feuer schwebt, ohne dass Jemand im Haus zu sein scheint. Tiere sind hier die eigentlichen Hausbesitzer.

In Gusinje werde ich von zwei jungen Buben angesprochen, wo ich her komme. Als ich ihnen antworte, fangen sie an zu kichern. Ein Junge hat nur schwarze Zähne im Mund und der andere Junge schämt sich. Ich verstehe noch nicht ganz, was sie über mich denken. Jedenfalls scheinen hier Touristen eine Seltenheit zu sein. In den Bars und Cafés, die es hier in großer Anzahl gibt, hängen freizügige Frauenbilder, ein Supermarkt führt die wichtigsten Lebensmittel und junge Leute teilen sich hier die Straßen mit alten Autos, Hunden und Katzen. Ein Hund läuft uns sogar über mehrere Kilometer hinterher. Er hat kein ZuHause!

In Plav, wo wir zwei Tage bleiben, ist vorerst Endstation. Ich habe eine Erkältung und brauche eine zwei-tägige Pause. Wir müssen uns mit dem Ausblick auf den See begnügen und sind etwas wehmütig, dass wir bei dem herrlichen Wetter nicht weiterlaufen können. Wir entscheiden uns schließlich mit dem Bus in den Kosovo zu fahren.

Dabei sind die Haltestellen hier eine für Touristen undurchsichtige Konvention. Busse und Taxis halten dann an, wenn Jemand an der Straße steht.

Menschen, die ihre Reisen immer im Voraus buchen und durchplanen wollen, wären hier wohl ohnehin Fehl am Platz. Denn es gibt hier ein funktionierendes Transportwesen, das man vor Ort mit der Hilfe von Einheimischen ausfindig macht. Das ist genau das richtige für uns!

Kosovo – Ein Land in der Warteschleife

Dreimal müssen wir in einer Kleinstadt den Bus wechseln, der immer voll besetzt ist. Frauen mit Kopftücherrn, Männer ohne Gepäck – wir sind hier die Einzigen auf Reisen, weshalb sich Jeder, der deutsch sprechen kann, um uns versammelt und mit uns sprechen möchte.

Einer ist Nejad. Er war viele Jahre in Bremen in einem italienischen Restaurant tätig. Dann musste es schließen und Nejad trennte sich von seiner Frau. Zu schwer war für ihn die Vorstellung, nicht zurückzukehren. Seine Familie sagte immer wieder zu ihm: „Nejad, komm zurück wir brauchen dich hier!“ Ja, das hören wir oft, dass Menschen für die Familie zurückkehren. Sie haben ein großes Pflichtgefühl, bei der Familie zu sein, für sie zu sorgen und – wie die Eltern es wünschen – eine Einheimische zu heiraten. In manchen deutschen Familien hingegen reduziert sich das familiäre Zusammentreffen auf  Ostern und Weihnachten. Das erleben wir hier ganz anders!

Schließlich haben wir die letzte Hochebene von Montenegro erreicht, von wo aus wir nach Osten hin das flache, zum Teil  hügelige Land – den Kosovo erblicken. Einige Rauchwolken  sind zu erkennen – ansonsten ein zersiedeltes Land. Denn hier wird kein Unterschied gemacht zwischen Bau- und Wohnland.

Wir fahren schließlich an Häusern vorbei – sie sind hier meist in halb-fertigem Zustand. Finanzielle Unterstützung für Bauprojekte kommt vornehmlich aus dem Ausland, was kein unbeträchtlicher Anteil ist. Die Hälfte der Kosovaren lebt im Ausland. Die Trennungen gehen mitten durch die Familien. Kinder, die Jahrelang ihren Vater nicht gesehen haben, Ehefrauen, die ihre Männer aus den letzten drei Jahren nur vom Bildschirm kennen. Der Kosovo hat die jüngste arbeitslose Bevölkerung in Europa, weshalb sich die jungen Leute tagsüber in Cafès herumtreiben und für 30 Cent einen Chai oder einen Kaffee trinken.

Wir sind für zwei Wochen bei Adnon – einem ehemaligen Freiburger und gutem Freund – untergebracht und schauen, inwiefern die step Stiftung in diesem Land eine Patenschaft mit einer unabhängigen Organisation  aufbauen kann.

Denn viele Gelder kommen nicht da an, wo sie hin sollen und selbst Bürgermeister haben nicht immer das Wohl der Gemeinde im Blick. Dazu wollen wir die Caritas in der Hauptstadt und das Sportprojekt „Pram“ in Mitrovice besuchen.

Adnon lebt mit seinem Bruder, samt Frau und deren Kinder sowie seiner Schwägerin und ihren Kindern in 3 Zimmern. Wir werden freundlich empfangen und mit einem köstlichen Essen empfangen. Es ist mir sympathisch, dass auf dem Fußboden gesessen wird und sich alle um einen kleinen runden Tisch versammeln. Wenn es nicht gerade Suppe ist, wird mit den Händen gegessen. Auch das gefällt uns : ).  Einen ganz gewöhnlichen Alltag dürfen wir für 10 Tage miterleben und das, was uns hier jeden Tag beglückt, sind die 5 Kinder, die rund um die Uhr mit uns spielen wollen.

Morgens stehen wir um halb 8 auf. Dann gibt es für alle Tee und Kekse. Dann gehen wir auf die Wiese vor dem Haus, spielen mit dem Ball, machen mit den Hölzern einen Parcours, spielen verstecken fangen – alles, was wir in unserer Kindheit auch noch gemacht haben. Das verbindet uns wohl stärker mit diesen Kindern, als es Kinder der jetzigen Generation in Deutschland tun würden. Zugleich ist es erschreckend, welch großen Einfluss gerade hier das Smartphone und das Fernsehen hat. Die Kinder werden damit ruhig gestellt, wenn wir vormittags außer Haus sind. Das Fernsehen läuft weitestgehend in jedem Haushalt auf dem Balkan von morgens bis abends. In Plav – noch in Montenegro – kam unser Gastgeber morgens in die Stube, machte als erstes den Fernseher an und verschwand dann wieder. Wir kommen uns unhöflich vor, wenn wir fragen, ob wir die Hintergrundgeräusche ausmachen können – tun es aber trotzdem ab und zu. Bereits der Kleinste der Familie – der gerade anfängt zu laufen – kennt die richtigen Fingergriffe, um das Smartphone zu bedienen – Spiele zu spielen sowie Musik zu hören oder Filme zu sehen. Das macht mich wütend  und ich versuche die Kinder bei jeder Gelegenheit zu animieren, nach draußen zu gehen, zu malen oder Rechenaufgaben zu lösen. Dabei merke ich, dass ihnen einfach die Ideen und Alternativen zum Smartphone fehlen. Schließlich ist es auch bequemer auf der Coach. Aber mehr Spaß macht es draußen und in Gesellschaft – das dürfen wir den Kindern ansehen! Wir wissen zugleich, dass unsere „Nanny“-Zeit nur begrenzt ist.

Einen Tag begleiten wir Adnon auf seine Arbeit. Vor der Reise hatte er mir stolz geschrieben, dass er jetzt für Eismann arbeitet. Ich machte mir keine Vorstellungen von seinem Arbeitsalltag – bis zu dem Tag, der jetzt da war.

Um 10 Uhr stehen wir in Skenderay – einer Kleinstadt 20km von Rezalle  entfernt – vor einem Hochhaus. Wir gehen in den 1. Stock und stehen auf einem Flur auf dem nur ein Zimmer besetzt ist. Alle anderen Zimmer sind chaotisch – was wir durch kaputte Glasscheiben sehen können. Vor dem Raum stehen Adnons Kollegen. Sie warten auf das Startsignal vom Teamleiter. Um 20 nach 10 geht es dann an die Plätze. Wir befinden uns im Call-Center von Eismann. 15 Personen – die alle mal in Deutschland gelebt haben , jedoch abgeschoben wurden oder freiwillig zurückkehrten – sitzen hier vor ihren Rechnern und fangen an zu telefonieren. In Wellen steigt und flacht die Lautstärke wieder ab und zwar ganz unkontrolliert. In teils gut verständlichem – teils unverständlichem Deutsch lesen die Angestellten ihren Leitfaden runter. Die meisten kommen nur bis zum zweiten Satz – dann legt die Gegenseite auf.

Auch Lutz und ich dürfen telefonieren. Wir brauchen keinen „Fake-Namen“, denn unsere Namen klingen deutsch (Unser Freund Adnon A. ist hier Falko Weiss). Erst beim 10. Anruf nimmt bei mir Jemand ab. Ich fühle mich unwohl. Schließlich arbeite ich hier nicht und auf dem Leitfaden stehen Dinge, die ich nicht sagen will. Es geht um Verkaufsstrategien, wie der Projektleiter am Morgen sagt – man muss Vertrauen aufbauen. Obwohl sich dieser ganze Ort und diese Beschäftigung einfach nur falsch anfüllt, versuche ich dem sich meldenden Mann, das Paket für 33€ zu verkaufen. Er müsse es mit seiner Frau absprechen. Ich könne morgen nochmal anrufen…

Abends kommt Adnon an drei von fünf Tagen mit 0€ nach Hause. Denn er wird nur mit 6 € bezahlt, wenn er einen Verkaufsabschluss erreicht. An Weihnachten erhofft er sich mehr Verkäufe pro Tag – das spart er dann für schlechte Zeiten. Ja, milde formuliert, ist das Ausbeutung!

Die Strukturen von Sub- Sub- Sub- Unternehmern sind so undurchsichtig und so wenig bekannt, dass uns Menschen in Deutschland, denen wir davon erzählen, garnicht glauben.

Ja, der Wettbewerb hat seinen Preis – der in vielen Fällen ausgelagert wird. Es wäre wohl eine Lebensaufgabe, wollte man sich um mehr Aufklärung und Transparenz in diesen Dingen einsetzen. Es gäbe bestimmt Millionen Geschichten, in denen Menschen an der Armutsgrenze für unseren Wohlstand und positive Wirtschaftsprognosen arbeiten. Diese Geschichte zeigt zugleich die Grenzen von bewusstem Konsum auf. Es geht nicht nur um  die Beachtung von Ökostandards und Herkunftsländer – es geht um die ganze Kette. Da haben wir schlichtweg ein Informationsproblem, weil Ausbeutung manchmal so subtil und verborgen stattfindet!

Im Dorf, wo Adnon wohnt, werden wir täglich ins Haus von Leuten gebeten, Dutzende erzählen uns von ihren Jahren in Deutschland und aus welchen Gründen sie wieder kamen. Es sind ganz unterschiedliche und eigene Familiengeschichten. Was uns dabei immer bewusster wird, ist, dass wir aufgrund unserer Staatsangehörigkeit ein großes Privileg haben. Wenn Schüler im Bus erfahren, dass wir aus Deutschland kommen, scharen sie sich um uns und wollen mit uns sprechen. Diejenigen die Englisch oder Deutsch sprechen und sich mit uns unterhalten können, werden von den Anderen beneidet.

Abends treffen wir uns oft zum Fußballspielen auf dem kaputten Asphaltplatz oder gehen in den Dorfladen, der Besa gehört. Sie verbrachte ihre Schulzeit in Deutschland und beherrscht die Sprache nahezu perfekt. Sie ist überglücklich uns die Abende um sich zu haben. Auch sie will die nächste Gelegenheit nutzen, um mit ihrem Mann und den drei Kindern nach Deutschland zurück zu kehren.

80-90% der Menschen wollen den Kosovo verlassen. Dieses Gefühl der Warteposition aus dem eigenen Leben was machen zu können, ist bedrückend.

Wir verbringen einen Tag in der Hauptstadt in Pristina und bekommen den Eindruck, dass die Stadt nur aus Hochhäusern besteht. (Bild 6 Kosovo)Es gibt einen schönen – zugleich bekanntesten Platz in Pristina und eine neue Kirche. Ansonsten laufen wir an heruntergekommenen Hochhäusern vorbei. Alles ist hier ohne den geringsten ästhetischen Anspruch aneinander gebaut worden. Nach unserem Stadtrundgang, auf dem wir Adonis Cousine treffen, kommen wir an einem großen Stadion vorbei. „Hier spielt die 1. Bundesliga sozusagen.“ – so Adnon. Weil seine Cousine sehr hübsch sowie eine Anwältin ist, kommen wir umsonst rein. Es geht ganz schnell und wir dürfen einfach eintreten – „Sie sind aus Deutschland.“ Einer der Security-Männer versteht das und nickt uns freundlich zu. Den Fußball, den wir hier sehen, ist allerdings mittelklassig. Das beste Spiel machen zwei dunkelhäutige Spieler aus Afrika. Es ist kein untypischer Weg als Profifußball – etwa aus Nigeria – zunächst in einen Balkanstaat zu emigrieren – in der Hoffnung eines Tages in den Europäischen Spitzenligen mitzuspielen.

Die Tage vergehen schnell, weil wir sehr eingespannt sind und wir ständig von Menschen umgeben sind. Es sind intensive Tage – wir haben den Eindruck, dass uns Jede/r eine gute Zeit bescheren will. Oft werden wir gefragt: „Und – wie euch geht´s im Kosovo?“ Wir fangen meisten mit den Dingen an, die uns gefallen – wie etwa die Gastfreundschaft. Dann reden wir aber auch von der drückenden Arbeitslosigkeit, dem Müll, der überall liegt und klassischen Rollenbildern.

Zum Abschluss unseres Kosovo-Aufenthalts besuchen wir das Projekt „Pram“, auf das wir per Zufall über die Caritas Kosovo stoßen. Ihre Aktivitäten sind vornehmlich sportlich und betreffen den Integrationsgedanken der Roma-Kinder und der Zurückgekehrten aus dem Ausland. Wir sind verblüfft in welche Verhältnisse wir dort eingeführt werden. In der Roma-Siedlung ist das Müllproblem noch gravierender, es gibt sogar Blechhütten, die ich nur aus Filmen über Indien kenne. Dazu Kinder, die uns ein verschmitztes Lächeln zu werfen. Eltern, die im Schlafanzug auf der Straße stehen. Es scheint hier keinen eigenen Verhaltenskodex für den öffentlichen Raum zu geben. Als wir in die Schule eintreten, erblicken wir Monitore, die die Räume und jetzt auch uns überwachen. Seltsam, dass hier einfach einige Entwicklungsstufen übersprungen werden. Neben der Siedlung befindet sich ein neues, modernes Sportcentre – mit Sporthallen, neuem Schwimmbad und großen Außenanlagen für Tennis und Basketball.

Wir schauen durch die Fenster und erblicken Niemanden. Arif – externer wissenschaftlicher Mitarbeiter bei „Pram“ sagt, der Eintritt ist so teuer, dass sich das keiner leisten kann. „Hier trainieren nur die Profis oder Reiche.“ Dennoch werden wir bald den Versuch unternehmen, den Besitzer zu kontaktieren, um einer Gruppe von Mädchen einen Schwimmkurs zu ermöglichen (siehe Stationen).

Die Weiterreise nach Serbien gestaltet sich als schwierig, denn wir sind über Montenegro eingereist – dort müssen wir auch wieder ausreisen! Das heißt, dass wir einen großen Umweg nach Belgrad auf uns nehmen müssen.

Mit den Bussen und Nachtzügen bewegen wir uns langsam durch die Landschaften – vorbei an hohen Bergen, Schluchten und verlassenen Häusern. Nach einem Reisetag kommen wir nach Podgorica – der Hauptstadt von Montenegro. Das Stadtbild unterscheidet sich nur unwesentlich von Pristina. Dort warten wir bis abends auf unseren Nachtzug nach Belgrad. Dieser fährt hier jeden Abend zur selben Stunde ab. Zweimal wird man nachts geweckt zur Passkontrolle – einmal zur Ausreise – einmal zur Einreise. Erst in Belgrad merken wir, dass dort die ersten Spuren der westlichen Welt wieder zurück kehren. Die orthodoxen Kirchen sind pompös, die Straßen breiter, die Menschen geschäftiger und die Cafés, Bars und Restaurants bieten auch für den großen Geldbeutel etwas an. Der Verkehr wird jedoch immer noch hauptsächlich durch Busse geregelt. Nach zwei Tagen und vielen Sehenswürdigkeiten – darunter der Park am Kalemegdan – verlassen wir Belgrad in Richtung Ungarn.

Ab Novi Sad fahren wir mit dem Zug, der uns schnelleren Tempos nach Budapest bringt. Wir fahren über die Grenze und erblicken einen großen Stacheldrahtzaun inmitten schöner und ruhiger Herbstlandschaft. Zig Kilometer weit sehen wir den Zaun in beide Richtungen verlaufen. Hier ist eine Wohlstandsgrenze, die gesichert werden will.

In Budapest sehen wir viele Soldaten. Offiziere tragen schwere braune Mäntel. Für mich ist dieser Anblick irritierend! Es geht um die Verteidigung der Grenzen und ein Gefühl von Sicherheit für die Bevölkerung . Dabei kommen wir gerade aus den Balkan-Ländern und sehen, wie friedlich, einfach und freundlich diese Menschen leben. Muss man sich vor den Menschen schützen? Wir hatten diesen Eindruck nicht. Aber das hier das hat was mit Politik, Populismus und Angst zu tun. Dabei muss immer klar sein: Ein Mensch ist niemals an sich böse. Es sind immer konkrete Situationen, die zu Bosheit führen – Situationen wie Armut, Perspektivlosigkeit oder Ungerechtigkeit.

Dabei sollte Chancengleichheit nicht nur ein Thema innerhalb eines Landes sein, aber zu dieser Werteverschiebung in Europa fehlt den „Großherren des Privilegiert-Seins“ und  den Menschen als demokratische Basis der Mut.

In den Straßen Wiens merken wir, warum viele Menschen in der EU die Festung wollen. Wir sitzen in einem „Heurigen“ – etwas außerhalb vom Stadtzentrum. Hier gibt es gutes Essen, schicke Menschen, ein alter Mann spielt traditionelle Lieder auf dem Arkordeon, die Bedienung nimmt die Bestellung in Wienerischem Akzent auf. Die Straßen sind an diesem Abend ganz ruhig und leer, Laternen wachen über die Nacht und die Häuser wirken mächtig, robust und sauber. Es gibt den Menschen das Gefühl, hier ist alles in Ordnung.

An diesem Abend erleben wir übrigens unseren ersten Kulturschock der Reise – denn in  den Kosovo ging es langsam und durch die Natur – wir konnten uns annähern und mit dem Land vertraut machen, aber zurückzukommen und jetzt in einer gut bürgerlichen Stube zu sitzen – nach all dem, was wir in den letzten Monaten gesehen haben.. das macht verlegen!!!