10. Etappe: Via Romea – Mit dem Fahrrad von Bozen nach Rom

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Nach zwei Wochen in Südtirol, wo wir schon fast wieder von einem gefundenen Alltag sprechen
konnten, beschließen wir nun auf die Fahrräder zu wechseln.
Dank der optimistischen Idee, sich die Räder sponsern zu lassen, findet sich Michele.
Er betreibt einen kleinen Fahrradladen am Rande Bozens und begrüßt uns sehr herzlich.
Nach einigem Justieren und Anschaffen, sind wir für unsere Fahrt ausgerüstet – Lutz mit einem
Anhänger und ich eher provisorisch mit einer Lebensmittelkiste auf dem Gepäckträger. Unsere Route ist der Via Romea Germanica, den einige wenige Pilger eher zu Fuß begehen. Aber
wir folgen dem Rat von Walter, der den Weg im Winter/Frühling diesen Jahres mit zwei Freunden
und drei Lamas gelaufen ist, und versuchen es mit dem Rad.
Bis Ravenna sind die Wege auch wirklich hervorragend, nur dann schließen sich unwegsame und
zugewachsene Pfade an, die selbst ein Pilger dazu auffordern würde, sich den Weg mit Stöcken frei
zu schlagen.Bis dahin kommen wir durch wunderbare Städte, wie ihr auf der Karte seht.
In Bassano probieren wir den für die Stadt bekannten Grappa und laufen durch die endlosen
Straßen, in denen Migranten alles Mögliche an Waren anbieten. Ich würde gerne wissen, woher die
Jeans für 3€ kommen, aber diese Orte des Feilschens sind mir schleierhaft, auch wenn ich weiß,
dass die Leute sich auch nur ihren Lebensunterhalt verdienen wollen.
Dann folgt Padua mit ihrer imposanten Basilica Sant Antonio und einer verwinkelten, schönen
Altstadt.
Dort treffen wir Pawel aus Polen, der sich vor zwei Monaten auf eine ähnliche Reise begeben hat
wie wir. Nur dass er wesentlich dringender auf die finanzielle Hilfe anderer Leute angewiesen ist
und sich mit Straßenzirkus und Fahrradreparaturen ein paar Euros verdienen muss. Nun folgt ein Stück weiter durch ein Obstparadies. Wir sammeln von Tag zu Tag immer reifere
Früchte und können so auf deren Einkauf in Supermärkten verzichten.
Ich freue mich ohnehin, wenn wir diese Megastores, die sich auch schon in Italien verbreitet haben,
ganz meiden können und kleine italienische Lebensmittelläden finden. Dort ergibt sich meist ein
längeres Gespräch über die Träume der ganz einfachen Leute und wir ernten Bewunderung für
unsere Freiheit.
Die Städte markieren immer das Ende und den Anfang einer Etappe. Daher genießen wir einerseits
den Stadtrundgang, ein Eis oder sogar eine Pizza und freuen uns andererseits wieder auf den neuen
Weg.
Es geht weiter über Ferrrara nach Ravenna, wo wir endlich das Meer erreichen und dort einen Tag
verbringen. Die Schlafplätze suchen wir bevorzugt auf dem Grundstück eines Contadino, wo wir allermeistens
nette Unterhaltungen finden, Lutz morgens mit Kaffee versorgt wird und wir ab und zu sogar etwas
zum Essen hinaus gebracht bekommen.
Bei diesen Begegnungen lernen wir einige Frauen kennen, die ihre Schwiegermutter, die eigene
Mutter oder ihren eigenen Mann pflegen. Hier scheint die Isolation alter und kranker Menschen
noch nicht so weit voran geschritten zu sein. Eine alte Frau begrüßt uns morgens mit ihren 102
Jahren.
Und auch auf unserem sonstigen Weg: Wenn wir eingeladen und länger in ein Gespräch verwickelt
werden, sind es alte Menschen, die ihren Haushalt noch selbst oder mit Unterstützung ihrer Kinder
bewältigen. Letztere erzählt mir von den Kriegsjahren, die sie als Kind erlebt hat und, dass sie sich in der
fußläufig entfernten Ruine an einen Besuch Mussolinis erinnert.
Als wir ihr erzählen, dass wir Anfang des Jahres Ausschwitz besucht haben, schlägt sie die Hände
vor ihr Gesicht und fragt uns: „Ist das wirklich so passiert?“.
Wir sind zum Einen erschrocken einer Zeitzeugin diese Frage zu beantworten und andererseits zeigt
ihre Reaktion, wie sehr in dieser Zeit Verdrängung eine Rolle gespielt hat.
Nach Ravenna steht uns die beschwerlichste Etappe bevor: Irgendwo müssen wir über das Gebirge
der Apenninen.
Im Nachgang bin ich froh, dass wir kein Smartphone hatten, sonst hätten wir die Höhenmeter
immer schon vorher gewusst und wir wären wesentlich unmotivierter die Hänge angefahren.
Aber so wusste man nie so recht, was einen erwartet und mit dem Zelt waren wir ja ohnehin
unabhängig. So durften wir durch wunderbare Städte reisen, die im globalen Tourismus noch nicht
so angekommen sind – ganz zu unserem Glück.
Da wären zu nennen: Bagno di Regno, Cortona, Städte am Lago di Treviso, Arezzo (durch den Film
„La vita è bella“ doch recht bekannt, aber ruhig), Orvieto, Viterbo…
Es gibt in der Mitte Italiens so einige versteckte Örtchen, dessen Schönheit ich mir nicht bewusst
war!
In Orvieto treffen wir einen Flüchtling aus Nigeria, der auf der Straße Socken verkauft.
Da wir nicht aussehen, wie typische Touristen, können wir mit ihm auf eine andere Art ins Gespräch
kommen, die uns erlaubt, ihm ein Eis zu kaufen ohne, dass er uns seine Socken andrehen will oder
uns um mehr bittet. Er erzählt uns von seiner Unterkunft, seinen Träumen, als er aufbrach und
seiner Situation in der Stadt. Seine Geschichte wäre nun wieder ein eigenes Kapitel, aber es war
schön, dass wir ihn wie einen Freund verabschieden konnten.
Dann schließlich kommen wir vor Rom zufälligerweise an den Lago di Bracciano.
Hier sind wir ebenfalls bezaubert von der Schönheit der Natur, dem ruhigen See und der
Abendstimmung. Ein zugezogener Deutscher verrät uns, dass die Anbindung aus Rom noch nicht so
gut ist, und dass sie daher von „den Ameisen“ noch verschont seien. Ja tatsächlich, das Einzige, das
die Ruhe stört, sind die all-minütig zum Landen ansetzenden Riesenflieger über uns.
Immer wieder fragen wir gerne nach dem Weg und nun wissen wir, dass Rom nicht mehr weit ist.