6. Etappe: Eine Vision von Integration

with Keine Kommentare

Länger als erwartet, verbringen wir in Zürich. Eine multikulturelle Stadt mit einem besonderen historischen Ambiente.
Wie in der Schweiz und speziell in Zürich Integration funktioniert, dürfen wir beim Solinetz in Zürich erfahren. Soli steht für Solidarität. Dieser medial viel verwendete Begriff wird hier mit gelingender Praxis gefüllt. Das Besondere an diesem Netzwerk: Es verbindet und vernetzt alle Angebote für Flüchtlinge, die es in der Stadt gibt. Wenn sich jemand engagieren möchte, Angebote sucht oder sich einfach informieren will, gibt es einen Überblick auf einer Seite. Link: https://solinetz-zh.ch/. Das nenne ich gelungene Koordination!
Das Manko seit 2015 ist in vielen Städten, dass viele Menschen parallel Gedanken entwickeln und ein eigenes Projekt auf die Beine gestellt haben. Dabei ist es absolut notwendig und förderlich, einen Überblick zu haben, wer was anbietet, damit nichts doppelt gemacht wird und man sich gut abstimmen kann. Regelmäßig gibt es beim Solinetz Vernetzungstreffen, an denen über neue Aktivitäten oder Entwicklungen informiert wird. Wir sind außerdem schwer beeindruckt von dem Einblick den wir bekommen: Für die Deutschkurse haben sich zahlreiche reformierte Gemeinden geöffnet und bieten ihre Kirchenräume für die Kurse und ein anschließendes Mittagessen an. Insbesondere Pensionierte engagieren sich hier und können ihre Zeit sehr sinnvoll einsetzen. Dabei stellen sie einen Übergang zu den geregelten Kursen dar, die erst einige Jahre nach Eintreffen der Flüchtlinge starten. Spontan werden wir selbst zu DeutschlehrerInnen eines Kurses und bekommen viel Dank und Wertschätzung zurück. Wir werden in der anschließenden kurzen Besprechung – in der der Vormittag rekapituliert wird – herzlich eingeladen jederzeit wiederzukommen.
Beim folgenden Mittagessen merken wir, wie wichtig es ist, den Deutschkurs mit einer gemeinsamen Zeit zu verbinden: Sei es der Sport, die Musik oder das gemeinsame Beisammen sitzen, sprechen und spielen. Beim Solinetz verbinden sich über 100 Freiwillige, die verstanden haben, dass ein Staat Integration nicht leisten kann, sondern, dass dahinter Menschen stehen, die sich einsetzen und Zeit schenken. Überrascht hat mich, dass sich insbesondere betuchte Menschen in guter Kleidung in den Räumen der Gemeinden finden. Alt und wohlständig – da wäre bei mir mit einem Vorurteil aufgeräumt – eben, dass sich diese Gruppe hier in Zürich sehr wohl engagiert. Wer etwas über gelingende und sehr persönliche Integrationsarbeit lernen möchte, sollte sich hier einmal umsehen.

FC Walisellen

Der Verein FC Walisellen ist meine zweite Station in Zürich, die ich an einem Mittwoch Abend besuche. Über diesen Verein besteht seit 2016 ein integratives Fußballangebot für Geflüchtete und Einheimische. Trainer Marino und die Spieler begrüßen mich sehr freundlich und laden mich ein, mitzuspielen.
Bei einem längeren Gespräch zeigen sich ähnliche Besonderheiten, wie bei uns in Freiburg: Marino erzählt von ethnisch homogenen Gruppen, die sich hier seit zwei Jahren zum Kick treffen. Ein am Besten „Jeden Tag spielen wollen“ aus Langeweile, kennt Marino ebenfalls.
Eines ist jedoch erschreckend anders: In der Schweiz dürfen die Geflüchteten erst arbeiten, wenn die Menschen „anerkannt“ sind. Allerdings kann das Jahre dauern – eine Zeit, in der wir uns ausbilden, orientieren, den Berufseinstieg machen. Das macht Trainer Marino wütend. Zugleich weiß er, dass er nichts ausrichten kann. Er hat sich mit seinem Einflussbereich abgefunden und gelernt, sich nicht zu sehr in die persönlichen Schicksale einbinden zu lassen.
Das Gespräch und das Miteinander hier zeigt, wie sehr Menschen auch die Hände gebunden sind und wie begrenzt auch ihr Einfluss ist, wenn die Rahmenbedingungen einschränkend sind. Es fehlt das Verständnis, dass Menschen mit einer Arbeit ihre Würde zurückbekommen und Anerkennung finden in einer Gesellschaft. Und dennoch ist dieser Fußballtreff etwas sehr Wichtiges für die Menschen hier!