8. Etappe: Buntes Programm in Bozen: Kaserhof, Weintraubenernte und Deutschkurs

with Keine Kommentare

In Bozen gilt es zwei Wochen Reisepause einzulegen. Wir besuchen Mirijam – eine gute Freundin aus Freiburg – und ihre Familie. Wir befinden uns 14 Tage auf dem Ritten – einer Touristenhochburg und einer Gegend, wo es viel zu erleben und entdecken gibt.

Vormittags darf ich Lamas und Alpaccas hüten und Lutz hilft bei der Apfelernte. Nach langer Zeit sind es die ersten Tage, an denen wir nicht das gleiche Programm haben.

Die körperliche Arbeit tut uns mächtig gut und lässt uns abends müde ins Bett fallen. Neben misten, tränken, füttern, darf ich die Tiere ausführen und an das Lama-Trecking gewöhnen. An diesen Alltag könnte ich mich fast gewöhnen – nur dass wir eben was ganz anderes gelernt haben.

Nachmittags geht es für uns zum Deutschkurs in die Stadt. Denn die Flüchtlinge hier, müssen nicht nur italienisch beherrschen, sondern deutsch lernen, um die Berufsschule besuchen zu dürfen. Wir sollen 7 SchülerInnen aus Gambia, der Elfenbeinküste und aus Syrien in 14 Tagen auf A1 Niveau bringen. Das ist ambitioniert!

Mir helfen meine Italienischkenntnisse und wir merken schnell, dass es eine ganz witzige Truppe ist. Am Freitag – unserem letzten Tag – haben wir ein großes Picknick organisiert und genießen die letzten gemeinsamen Stunden.

Und dann geht es auch schon weiter: Michele erlässt uns einen großen Teil des Fahrradpreises, weil er unser Vorhaben unterstützen will, nun mit dem Fahrrad Italien runter zu fahren.

Jetzt freuen wir uns auch auf das Weiterkommen und sind dankbar für die reiche Zeit, die eigentlich viel mehr Worte bräuchte!

Ein Dank an: Brigitte, Miri + Geschwister – besonders Franzi und Sophie, Alex, Pati, Walter und Michael, Florian und Joseph, Lea, Angel, Abubacca, Bubacca, Jusuph, Kidou, Sherif, Musa und Michele.

Die nächsten Tage ist Lutz auf dem Hof des jungen Bauern Florian bei der Ernte der Weintrauben, dem sogenannten „Wimmen“ dabei. Gemeinsam mit 13 anderen Helfern und Helferinnen verbringen sie den Tag im Weinberg und ernten täglich 3-4 Tonnen Wein. Mit von der Partie ist die ganze Familie: Altmeister Roman, der trotz fortgeschrittenen Alters wie die Jungen anpackt. Mutter Brigitte, die tüchtig auf dem Feld mithilft und zugleich den Kochlöffel wie einen Zauberstab schwingt, um zur Mittagsstunde jedes Mal ein prächtiges Menü für 14 Personen auf die Tafel zu bringen. Tochter Eva, die Verstärkung in der Küche, wenn 40 Speckknödel gezaubert werden müssen. Bruder Joseph, ein wahres Arbeitstier, der nach 9,5 Stunden im Weinberg noch vier Stunden hinter der Bar steht. Und natürlich Florian, der überall mithilft, den Traktor gekonnt zwischen den Reihen hindurchschlängelt und die Reben unbegreiflicherweise doppelt so schnell ernten kann. Daneben helfen noch viele Verwandte, Bekannte und Freunde der Familie, die teilweise am Vorabend noch spontan per Telefon organisiert werden. Das Ernten ist eine sehr angenehme Arbeit und besonders beeindruckend ist dabei die Wahrnehmung der Zeit:
Wimmen1Niemand schaut auf die Uhr, weil die Zeit ohnehin vergeht. Sie ist in Anlehnung an Herder („Der Geist der Zeit und das eigene Schicksal“) die ineinander verkettete Abfolge unterschiedlicher Seins-Zustände. Da die Zustände aber den ganzen Tag über die gleichen sind: – grünes Blattwerk, reife und unreife Reben, faule Trauben, die ausgeschnitten werden müssen, süßer Traubensaft, klebrige Scheren, der Blick ins Tal, die roten Sammelkisten, die sich periodisch füllen und in größere graue Kisten leeren, hier und da ein Gespräch, ansonsten meditative Stille, ein bisschen Wind, das Summen der Insekten, vielleicht mal ein Bienenstich in den ein oder anderen Finger -, da all dies also konstant bleibt, vergeht die Zeit scheinbar gar nicht. Sie steht gleichsam still oder vergeht vielmehr vollkommen, das heißt, sie ist im Grunde überhaupt nicht existent. Auf einmal ist es 12:00 Uhr und somit Mittagspause und dann ist es wieder 18:00 und Feierabend und der Tag mit einem Mal vorüber.

Wimmen2Wenn alle um 07:30 im Weinberg beginnen, steht man noch im Schatten, da die Sonne die östlichen Berggipfel noch nicht erreicht hat. Wenn dann um 18:00 die Arbeit niedergelegt wird, ist die Sonne gerade hinter dem westlichen Kamm verschwunden und man steht wieder im Dunkeln. Ein kleiner Kreislauf im Ablauf eines Tages, wie der große Gang der Dinge am Hof im Laufe eines Jahres. Alles beginnt, wiederholt sich und kommt wieder Jahr für Jahr. Die Ruhe im Winter, Zeit für Arbeiten am Haus, und an den Maschinen, das Schnapsbrennen im großen Keller, das Ausschneiden der Reben im Frühjahr, das Bewässern und Pflegen der Hänge im Sommer und schließlich die Ernte im Herbst. Der junge Bauer Florian erzählt dies mit einer ruhigen Zufriedenheit im Blick. Eine Fähigkeit und eine Freude, die man als Landwirt wohl besitzen muss, da die Woche selbstverständlich sieben Tage hat und Urlaub rar ist. Der Unterschied zwischen Kreislauf und Hamsterrad scheint allein in der Einstellung zu liegen.

Wimmen3Lutz: “Dankbar für diese Erfahrung verlasse ich den Hof am letzten Tag. Gerne komme ich im nächsten Herbst wieder zur Ernte nach Bozen. Auch nehme ich den Wunsch mit, vielleicht in der eigenen Heimat einen Bauern zu finden, der sich einige Tage im Monat über Hilfe freut und im Gegenzug die innere Ruhe der Handarbeit und einige Früchte der Erde verschenkt.”

Wimmen4