7. Etappe: Trampen

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Was die Reise erst möglich macht, sind die Menschen, die Anteil an ihr nehmen. In den Schulen und Projekten, abends bei der Suche nach einem sicheren Schlafplatz und so auch bei der Fortbewegung: Per Anhalter von Berlin nach Bozen.

In den vergangenen dreieinhalb Monaten sind wir – teils kreuz und quer – durch fünf Länder gereist. Wir waren in Deutschland, Tschechien, Schweiz, Frankreich und Italien unterwegs. Irgendetwas zwischen 1000 und 1500km haben wir per Autostop zurückgelegt. Irgendwann haben wir aufgehört zu zählen. – Ein bärtiger Mann steht grinsend im Kopfstand am Straßenrand, daneben eine wunderschöne Frau im bunten Blumenkleid, zwei große Rucksäcke liegen dabei, auf einen ist eine kleine Wandergitarre geschnallt und ein selbstgeschriebenes Schild oder ein ausgestreckter Daumen zeigen in den Fahrtwind der vorbeifahrenden Autos. Viele Menschen lachen, wenn sie uns so sehen und wir lachen zurück, weil wir so ganz nebenbei ein wenig Freude in die Welt hinausschicken. Meist dauert es keine 15 Minuten und das erste Auto hält an und nimmt uns mit.

Fast 100 Menschen haben so ein Stück ihres Weges und ihrer Geschichte mit uns geteilt. Da ist Fabian, ein junger Polizist aus Sachsen, der uns von seinen Gefühlen einen Tag vor einer großen Afd Demonstration in Augsburg berichtet. Mike der Postbote, der seine Sommerferien mit Festivalbesuchen in ganz Deutschland verbringt und dessen auffälliges Auto, dazu führt, dass wir von der Autobahnpolizei kontrolliert werden („Jetzt fühle ich mich ganz kriminell.“, sagt Maria noch leicht perplex danach, obwohl die Beamten die erhofften Drogen bei uns und unserem freundlichen Fahrer nicht finden konnten.).

Oder Nick, der uns von Martigny nach Bern mitnimmt. Nick ist 33 Jahre alt und kommt gebürtig aus Albanien. Mit „Përshëndetje“ begrüßt er uns. Nick selbst hat unglaubliche Tramp-Erfahrung, da er einmal komplett ohne Ausrüstung 4000km von Schweden nach Albanien reisen musste. Seine damalige Freundin hatte ihn wortwörtlich über Nacht vor die Tür gesetzt, sodass ihm nichts anderes übrigblieb, als den kompletten Heimweg per Anhalter zurückzulegen. Nick ist heute Autoverkäufer und verkauft Gebrauchtwagen aus der ganzen Schweiz nach Albanien. Freundlicherweise macht er einen kleinen Umweg und zeigt uns stolz seinen eigenen Fuhrpark, in dem Autos aller Klassen und Zustände zu finden sind: Vom noblen BMW bis zum schrottreifen Kleintransporter mit eingeschlagener Frontscheibe ist alles dabei. „Albanien kaufen alles.“, sagt Nick in deutschen Bruchstücken. Nick hat den American Dream in der Schweiz verwirklicht. Perspektivlos in Albanien ging er als junger Mann zur Nato und diente als Soldat an der Front in Afghanistan. Ein Streifschuss am Bein erinnert noch an diese Zeit und die Erkenntnis, dass sich Konflikte mit Gewalt nicht lösen lassen. Zurück in Europa arbeitete er mit Hilfe einer gültigen Arbeitserlaubnis zuerst in Italien, bevor er dann vor 5 Jahren mit keinem Franken in der Tasche in der Schweiz neu anfing. Beim Aufbau seines „Buisness“ half ihm sein enormes Sprachtalent. „I know five languages.“, sagt er zu Beginn unserer Fahrt: Albanisch, Italienisch, Französisch, Englisch und Deutsch; wobei seine Niveaus von Muttersprache bis A2 reichen. Zur Alltagskommunikation genügen jedoch alle fünf Sprachen, was wir während der Fahrt in zahlreichen Telefonaten eindrucksvoll verfolgen können. Wie ein junger Hund springt er fröhlich zwischen den Wortschätzen umher. Daneben ist Nick außergewöhnlich ehrgeizig. Er arbeitet 6-7 Tage die Woche und verbringt  täglich 700km und mehr auf den Straßen, um die Gebrauchtwagen aus allen Kantonen zusammenzukaufen. Gerade ist Nick Vater einer kleinen Tochter geworden, aber sein Arbeitspensum kann er nicht verringern. „La moneta è importante.“, sagt er aus eigener Erfahrung.

– Wir schätzen das Trampen gerade wegen diesen beeindruckenden Begegnungen. Sie sind Bereicherung, Inspiration und Anstoß die eigenen Denkmuster zu hinterfragen, die Welt neu zu sehen, das eigene Lebenskonzept zu relativieren, Alltägliches schätzen zu lernen und für das eigene Glück dankbar zu sein. –

Jedes Land hat seine eigene Geschwindigkeit und so gibt es für jeden Farbklecks auf der Weltkarte auch eine eigene, besonders angemessene Art des Reisens. Je weiter man dabei von Norden nach Süden vordringt, umso langsamer drehen sich die Zeiger. Während in Deutschland gerade noch der Schnellzug oder allenfalls das Auto mit der Zeit mithalten kann, so hält hinter den Bergen bereits das Fahrrad mit dem Glockenschlag Schritt. So tauschen wir nun in Bozen das Trampschild gegen den Sattel, die Rucksäcke gegen den kleinen Anhänger und machen uns auf zwei Rädern auf den Weg nach Rom.