5. Etappe: Die Tour de Mont Blanc und ein Schweizer Kosmos

with Keine Kommentare

Nach einem Wiedersehen mit der Familie in der Nähe von Zürich und einem Abestecher an den Bodensee. ging es für Lutz und mich auf die bislang anspruchvollste Etappe der Reise.
In 10 Tagen wollten wir die Tour de Mont Blanc laufen. 170 km über verschiedene Pässe. Zeit zum Laufen, Reflektieren und Staunen. Los geht´s mit einer fast 300 km langen Route durch die Schweizer Landschaft.

Bereits bei unseren Tramp-Gelegenheiten fällt uns auf: In der Schweiz läuft so manches anders als in Deutschland. Da wäre zunächst der überteuerte Franc, die Vielsprachigkeit, der Zwist zwischen der französisch-sprachigen Schweiz und der Restschweiz oder die Kluft zwischen den französisch-sprechenden Schweizern und der Franzosen. Ich fragte einen jungen Offizier, ob sie hier den WM-Sieg genauso freudig aufgenommen hätten, wie in Frankreich. Er: “No, no! They are differnt!”. Mir fiel auf, dass Sprache als zentrales Kulturgut nicht immer verbindenden Chrakter haben muss. Dann die vielfältige Landschaft, die Natur- und Tierlieben Bauern und AlmwirtInnen in den Bergen, die entspannte und zuvorkommende Art in der Öffentlichkeit miteinander umzugehen sowie von jedem gegrüßt zu werden.

Auf unseren Etappen, die uns abends immer erschöpft danieder liegen ließen, lernten wir viel über diesen Flecken Erde. Viele Menschen besuchen ihn gerne: Nationalitäten aller Kontinente (Afrika ausgenommen) begegnen wir. Es sind Menschen, die sich die Anreise und den Aufenthalt leisten können und unseren Weg mit einem Gruß oder kleinen Unterhaltungen bereichern.

Die Schweiz ist auffallend multi-kulturell. Im und um das Luxus-Örtchen Charmonix verbringen wir zwei Stunden damit, Menschen zu beobachten: Die typisch europäisch- wirkenden Sportbegeisterten, jüdische Gesellschaften mit kleinen Kindern, die eine Kippa tragen, die von kleinen Löckchen umrahmt werden und einen Gegensatz zu der bequemen, sportlichen und modernen Aufmachung bildet. Zugleich sehen wir auch viele Frauen mit Kopftüchern und Hautfarben aller Coleur.

Ist hier Integration gelungen?
Wir trampen mit einer Großfamilie in einem alten Bus und dürfen an ihrer Geschichte teilhaben: Sie haben vor drei Jahren einen 16-Jährigen Afghanen aufgenommen. In der Schweiz sei zu Beginn des Ankommens der Flüchtlinge ein Aufruf gestartet worden, dass Familien jemanden aufnehmen oder eine Unterkunft stellen.
Natürlich wurde diese Maßnahme horrende subventioniert und uns erzählt man, dass bei manchen die finanziellen Gründe im Vordergrund stand. Dennoch: Es kamen viele Flüchtlinge in Privathaushalten unter. Dies ist eine Forderung, die ich zusammen mit einem Kommilitonen bereits 2015 in einer Petition verfasst habe und es hat mich erfreut, dass die Schweiz dies so selbstverständlich umgesetzt hat. Ich frage sie: Hattet ihr in der Schweiz kriminelle Vorfälle oder Anschläge? Sie verneinen. Meine These: Die Schweiz ist nicht zuletzt aufgrund ihrer Neutralität kein vornehmliches Ziel, wenn sich der Hass gegen den Westen, ihre Interventionen oder ihre Politik wendet. Und ihre Vermutung: Die Schweiz ist zu klein, um auf der Weltkarte bedeutend aufzufallen.

Ich denke mir, wie erstrebenswert und gesund dies für eine Gesellschaft sein muss, wenn die Regierung in dem globalen Geschacher um Macht und Einfluss nicht mitmischt.
Ein neutraler Staat mit großem Reichtum – ob aus diesem Grunde jedes Haus verpflichtet ist innerhalb von 24h einen zugänglichen Luftschutzbunker vorzuweisen hat?
Es ist toll, ein Gefühl der Schweizer Gelassenheit und Offenheit mitzunehmen und dennoch bleibt sie mir in manchem verborgen.

In Erinnerung wird mir die Ruhe und die Weite auf den Bergen und über den Gipfeln bleiben und der wahrnehmbare Kontrast, wenn man dann wieder an der Straße steht und die Luft verdreckt und es laut ist. Die Schnellebigkeit und Bequemlichkeit unserer westlichen Gesellschaft verlangt vielen und der Natur einiges ab. Noch sind wir Zuschauer und Beobachter dieser Prozesse, aber werden wir es mal ganz anders machen?