Die Anziehungskraft der Rucksackträger in einer digitalisierten Welt

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Ein Kommentar

Während Lutz und ich zwischen unseren Stationen durch die Landschaften ziehen und die ersten Berggipfel erklimmen, werden wir unweigerlich von Vorbeiwandernden angesprochen.
Das spontane Gespräch, das in unserem öffentlichen Raum durch die Geschäftigkeit, die Ablenkung durch das Smartphone oder die Gewohnheit verloren geht, ist auf unseren Wegen selbstverständlich. Insbesondere wenn wir auf kleinen Pfaden unterwegs sind und der Weg nicht so frequent begangen wird. Viele Menschen wollen wissen, wo wir aufgestiegen sind, was unser Ziel ist, wo wir übernachten usw.

Es taucht bei Allen ein beneidenswerter Blick auf, wenn wir von unserem Vorhaben erzählen.
Dann beginnen die Anekdoten von früher, das Aufzählen körperlicher Gebrechen und dem beruflichen Zwang, der ein solches Unternehmen unmöglich macht. Aber manche fühlen sich auch bestärkt im nächsten Urlaub einfach mal von zu Hause aus loszugehen – mit Zelt und Rucksack.

Es ist eine Sehnsucht spürbar, den Alltag hinter sich zu lassen. Offenheit und Spontanität hat unsere Gesellschaft zudem sehr nötig, denn viele Ältere öffnen freundlich die Tür und binden uns bei der Frage nach Wasser nahezu stundenlang in Erzählungen von früher ein. Es existiert ein großes Bedürfnis nach Begegnung und jemandem erzählen zu können.
Ein für uns spannender und zugleich befremdlicher Eindruck ergab sich auf der „Automatica“ in München – einer Messe für die zukünftige Arbeitswelt und Robotik.

Wir stolperten über selbstfahrende Autos, Roboter, die den Barkeeper ersetzen und vieles mehr. Ein kritischer Umgang mit der Steuerung und auch Begrenzung der technischen Neuerungen war hier fehl am Platz. Jede/r macht hier seinen Job ohne intensiv die gesellschaftlichen Folgen zu diskutieren.

Auch in Vorzeigeschulen sind wir gewesen, die bislang noch kein Konzept vorlegen können, wie der Umgang mit modernen Medien aussehen soll. Die Bundesregierung beschließt die flächendeckende Ausstattung von digitalem Gerät an Schulen, was Millionen kostet ohne dabei Qualitätsstandards, den zeitlichen Rahmen, Anwendungsbereiche zu definieren oder Medienkompetenz als Unterrichtsfach vorzuschlagen. Das ist für uns aufgrund der zahlreichen Risiken u.a. der Tatsache, dass die digitalen Medien ohnehin stundenlang am Tag von SuS genutzt werden, unverständlich. Man denke an das wachsende Suchtpotenzial, die Strahlenbelastung und körperliche Haltungsschäden.
Nicht zuletzt mutiert der Mensch vor diesen Gerätschaften zum passiven Zuschauer, der sich auf fernen, virtuellen Basaren herumtreibt. Immer wieder machen wir die Erfahrung, dass SuS ständig Ablenkung brauchen und Konzentrationsschwierigkeiten haben. Es liegt nahe, dass Lernen besser gelingen kann durch Fokussierung und Reduktion. Der Eventcharakter und das designte Ausschmücken von Unterrichtsinhalten ist meines Erachtens kein Bestandteil des Bildungsauftrags. Vielleicht müssen wir uns früher oder später aber auch damit arrangieren!?