4. Etappe: Zu Gast in der Helen-Keller Schule in Dinkelscherben

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Eine Schule vom anderen Stern

Die Vorgeschichte

Bei unserem letzten Aufenthalt in der Outward Bound Schule Schwangau haben wir Bekanntschaft gemacht mit Martin und Alena. Beide reisten für eine Woche mit einer Klasse der Helen-Keller-Schule aus der Nähe Augsburgs in das erlebnispädagogische Zentrum. Lutz und ich haben es erstmalig mit SchülerInnen einer Förderschule zu tun.
Aufgeschlossen, nähebedürftig und äußerst lebendig lernen wir die Kinder der 7. Klasse kennen. Sympathie machte sich vom ersten Moment an breit. Nicht nur die Art und Weise der Lehrkräfte gefiel uns aufgrund ihrer Ruhe und Geduld, sondern auch die Kinder wirkten auf uns fordernder und darum zugänglicher.
Nach der Woche in Schwangau fragten die SchülerInnen im Unterricht ständig nach einem Wiedersehen mit uns. Lutz und ich überlegten in den nächsten Tagen, ob wir den Umweg zurück nach Norden auf uns nehmen sollten. Wir beschlossen dies zu tun und zwar aus zwei Gründen: Zum einen hatten wir noch nie in den Unterricht einer Förderschule geschaut und zum anderen waren uns die Kinder inklusive Martin und Alena in der Woche ans Herz gewachsen.
Die Tramp-Tour erwies sich durch die sieben sich wechselnden MitfahrerInnen als langwierig, aber zugleich als unsere bisher spannendste Etappe: In einem gelben Campingbus mit der Mutter von der 4-Jährigen Lea und dem 1-Jährigen Joscha, mit den Schwestern Tamara und Bubsi, die auf dem Weg zu ihrer über 90-jährigen Oma waren, Matthias – FC Bayern Fan und Postbeamte von Beruf, Mandy, die für das Personal im Kino zuständig ist, Peter – ein sau netter Kerl Mitte 40, der als Trödler durch die Lande zieht und seine Ware nicht unter Wert verkauft, Rosi mit tempramentvollen, italienischen Wurzeln, die uns begrüßt mit „mein auto sieht so chaotisch aus, wie mein Leben.“ und zuletzt Alex, der uns im Auto verät: „Ich seh zwar nicht aus wie einer, aber ich bin Führungskraft im Bereich Informatik.“ Und tatsächlich passte sein Hobby „Fallschirmspringen“, von dem er gerade auf dem Heimweg war, besser zu seinem jugendlichen Aussehen mit langen Haaren, Jeans, Sneakers, den Punkrock CDs und seinem alten Volvo.

Der Besuch

Er setzt am Sonntag abend vor dem Haupteingang der Helen – Keller – Schule ab, in der wir eine ganze Woche Einblick in den Schulalltag bekommen während wir im dortigen Imkerhäuschen übernachten dürfen. Es ist Montag morgen als uns Martin dem Schulleiter Herr Vogelstaller vorstellt. Er schenkt uns gleich seine Aufmerksamkeit und hat die Zeit uns willkommen zu heißen und von unseren Plänen zu erfahren.

Martin stellt uns im Lehrerzimmer vor und gibt uns die Möglichkeit, unsere Lernmodule dem Kollegium zu präsentieren. Diese werden von begeisterten KollegInnen drei Wochen vor den Sommerferien dankend nachgefragt und unser Stundenplan für diese Woche ist gefüllt. Daraufhin zeigt uns Martin den Klassenraum der 7. Klasse, wo wir den ersten Tag verbringen. Die Kinder fallen uns um den Hals oder geben uns die Hand als Ausdruck ihrer Freude, uns wiederzusehen. Im Morgenkreis berichte ich eine halbe Stunde von unserer Fahrt hierher und unseren Schlafplätzen, dem Trampen und unseren Begegnungen abends beim Wasser holen. „Das wäre mir so peinlich bei fremden Menschen nach Wasser zu fragen.“ oder „Ich dürfte garnicht bei anderen Leuten mitfahren.“ „Seid ihr Flüchtlinge?“ oder „Wo duscht ihr euch?“ sind Reaktionen und Fragen, die die SchülerInnen interessiert. Darauf folgt für die Kinder ein gewöhnlicher Schultag bis um halb 4.

Für uns läuft hier allerdings kaum etwas gewöhnlich ab:
Morgens ab 6 Uhr bereitet Küchenchefin Maria ein liebevolles Frühstück für die Kinder mit frischem Obst, Müsli, verschiedenen Brotsorten und vielem mehr zu. Die Kinder sitzen an Holztischen draußen und nehmen in der Morgensonne ihre erste Mahlzeit am Tag ein. Um 20 vor 8 machen sich einige Kinder auf den Weg zur Partnerschule und die anderen haben Zeit sich von ihrem Wochenende zu erzählen oder auf der Wiese herumzutollen.

Auch ein warmes Mittagessen bekommen die Kinder an der Schule mit ca. 150 SchülerInnen. Eine besondere räumliche Atmosphäre entsteht durch die lichten Flure, dem vielen Holz und den selbstgestalteten Plakaten, Aushängen und Bildern an den Wänden.

In der Eingangshalle kann die Stromproduktion der Solarpanels auf dem Dach abgelesen werden, daneben hängen Kunstwerke von SchülerInnen, vor dem Lehrerzimmer sind Fotos der Busbegleiter abgebildet, daneben stehen die Namen der Gäste der Woche und gegenüber davon steht, wer in dieser Woche Geburtstag hat.
Schule ist hier kein Großunternehmen, sondern ein gefühlter Familienbetrieb. Hier bekommen wir einen Eindruck, was „flache Hierarchien“ bedeuten. Hausmeister und Putzkräfte sitzen mit im Lehrerzimmer und verbringen gemeinsam die Pause. Die Kinder fühlen sich hier genau so wohl, wie die Lehrkräfte. Auch wenn Jede/r zugibt, dass die Arbeit extrem anstrengend ist. Auch sie haben jedes Jahr Fälle von Burnout oder Krankheitsausfälle, die die Kollegen an den Rand ihrer Belastbarkeit bringen.

Die Helen-Keller-Schule hat die Förderbedarfe emotionale und soziale Entwicklung, Sprache und Lernen. Viele der Kinder nehmen morgens Medikamente, die ihre Verhaltensauffälligkeiten abmildern. Dennoch erleben wir in dieser Woche SchülerInnen, die nicht eine Minute ruhig auf ihrem Stuhl sitzen können, Kinder, die Wutausbrüche bekommen, weil ihnen etwas weggenommen wird, in Schreikrämpfe verfallen, weil sie Ungerechtigkeit verspüren oder Kinder, die kaum ansprechbar sind.
40% der Kinder leben in Heimen und manche von ihnen würden am Wochenende lieber in der Schule bleiben, als ins Heim zu gehen. Große Unterschiede gibt es zwischen den Einrichtungen. Die Konrektorin erklärt uns: „Für die Qualität ist die Heimleitung zuständig“. Standards wären hier angebracht, da die Einrichtung für die Kinder Ersatzfamilie ist.
Die Hintergründe der Kinder sind ganz unterschiedlich: zu wenig Sauerstoff bei der Geburt, Suchtprobleme während der Schwangerschaft, Vernachlässigung im Kindesalter, Gewalterfahrungen zu Hause, sexuelle Misshandlungen etc.

Wir treffen hier auf Kinder mit 13 Geschwistern und das in einer Umgebung, die so ländlich und friedlich ist – ein Brennpunkt von ganz anderer Art!
Durch diesen Mangel sind die SuS um Jahre zurückgeworfen und werden hier durch ausgebildete SozialpädagogInnen betreut. Fachwissen ist hier nachrangig. Stattdessen geht es um die Strukturierung des Tages, das Einüben von Sozialverhalten sowie dem erfahrungsbasierten Lernen, was u.a. im Fach „IKT“, dem wöchentlichen Besuch auf dem Ziegelhof in Augsburg oder in der Imker-AG sichtbar wird.

In unseren eigenen Unterrichtsstunden, die vor allem Sport und Grundlagen für den Erste Hilfe Kurs beinhalten, können wir auf unsere Erfahrungen aus dem kick-Projekt zurückgreifen. Die Kinder zeigen zum Teil ähnliche Widerstände oder Auffälligkeiten.
Bereits Lutz und mir sind die Geschichten der Kinder sehr nah gegangen. Angefangen von der Freizeitgestaltung „Zocken“ bis hin zur Selbststigmatisierung „Das können wir nicht – wir sind Förderschüler.“ sowie den vielen anderen „Hilfe-Rufen“ werden auch uns die Grenzen der Kompensation bewusst. Wir haben noch nie eine solch ansprechende Schule gesehen, wo den Kindern so viel Gutes und eine solch ehrliche Wertschätzung entgegengebracht wird, aber es tut einfach verdammt weh, wenn ein Schüler an seiner Abschlussfeier ohne Elternteil auftaucht. „Meine Mutter hat kein frei bekommen.“ Das kann keine/r ersetzen!

Der Abend der Abschlussfeier wird noch lange in unserer Erinnerung sein: Bewegende Worte, die die Schulgestalter finden, ergreifende Lieder und Tänze, die vorgetragen werden.
Der Aufenthalt hat uns wichtige Impulse für unsere Berufswahl mitgegeben und Möglichkeiten der Zweitqualifikation aufgezeigt. Welche Kinder wollen wir unterrichten? Welche haben es am nötigsten? In welchem Arbeitsumfeld können auch anstrengende Phasen ausgehalten werden?

Ein Schulleiter, der uns in sein Bauernhaus zur Übernachtung einläd, Martin, der uns frische Eier für das Sonntagsfrühstück aus dem eigenen Garten mitbringt und uns auf seine Terasse zum veganen Kaffee einläd und eine Konrektorin, die uns einen Generalschlüssel für das gesamte Gebäude anvertraut. Das finden wir einmalig und hoffen mit dieser Einrichtung in Kontakt bleiben zu dürfen!