2. Etappe: Dresden – Tschechien und eine Begegnung in Sachsen

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Von Berlin aus fuhren wir mit Metallica-Freund Fabian, der als selbstständiger Finanzdienstleister Dienstschluss hatte, aus der Hauptstadt heraus. Ich war froh, nur 30 Minuten gegen die laut und unruhig anmutende Musik anzuschreien. Auf dem Berliner Ring stiegen wir wieder aus und – wie ein Segen – hielt Roland an: Bauleiter und auf dem Weg zur nächsten Tiefbau-Baustelle in Dresden – Klasse! Ein Lift bis vor die Haustür der Dresdner Altstadt. Abends zu Gast bei Freunden erlebten wir – wie in Freiburg an vielen Stellen auch – in welchem Überfluss wir wirtschaften. Nach dem Abendessen machten wir uns um 11 Uhr abends auf den Weg zu verschiedenen Supermärkten, um zu sehen, was für den nächsten Tag aussortiert wurde: Nach einer halben Stunde hatten wir bereits einen ganzen Anhänger voller Lebensmittel.Ein ähnliches Phänomen zeigte sich auch in den folgenden Wochen, als wir etliche Kirschbäume passierten. Zum Pflücken hatten die wenigsten Zeit. Bequemer ist es, die Früchte im Supermarkt einzukaufen. Einer Frau pflückten wir am Morgen einige Eimer vom Baum und machten unsere eigenen Tüten voll.

Tagsdrauf sollte es nun endlich los gehen: Auf die erste Wanderetappe in der Sächsischen und Böhmischen Schweiz – auf tschechischer Seite. Von Dresden aus fuhren wir mit Claudia (Mutter von vier Töchtern – deren Tankrechnung ich spontan beglich, weil sie ihr Portmonee verlegt hatte) nach Pirna. Diese Begegnung sollte schon bald ein Wiedersehen nach sich ziehen. Von Pirna aus zogen wir entlang der Elbe los: durch sagenhafte Felslandschaften und vorbei an verlassenen Ortschaften. Wir trafen einen der letzten Ziegenhirten, einen gebürtigen Freiburger. Immer wieder blieben wir stehen und sprachen mit den vorbeilaufenden Menschen. Auffällig war, dass uns keine Westdeutschen begegneten. Eine gewisse Kluft erlebten wir, obgleich wir noch nicht verstanden, woher diese rührt.

Die bislang schönste Begegnung / Wiedersehen ergab sich im Nachgang mit Claudia und ihrer Familie. Sie lud uns bei unserer Verabschiedung in Pirna nach unserer ersten Etappe über das Elbsandsteingebirge zu sich nach Hause ein. Nach langen Überlegungen hat es die Familie aus der Großstadt Dresden aufs Land an die tschechische Grenze gezogen. Jahrzehnte zogen nur Menschen weg, aber nie jemand ins Dorf hinein.

Es ist eine ganz eigene und spannende Geschichte, die aus der Schnelligkeit der Zeit fällt: Die Kinder leben zwischen ihrer Schulwelt in Dresden, die von der Montessori-Pädagogik geprägt ist und dem Holzhäuschen inmitten ländlicher Idylle. Dabei beschreiben sie für uns zum ersten Mal sehr deutlich, was es für sie bedeutet, in diesem Umfeld zu leben: Sachsen. Viele Vorurteile herrschen auch in unseren Köpfen vor. Ist das nicht das Land der AFD-Wähler?Langsam nur fügen wir unsere Eindrücke mit den langen Geschichten von Knut und Claudia zusammen. Wir beginnen in der DDR, wo die Meinung von der Vorstellung geprägt worden war: Der Staat sorgt für das Auskommen der Bürger. Ja, Claudia konnte nicht Lehrerin werden, wie sie sich das gewünscht hatte und landete in der Lebensmittelindustrie. Knut wurde erst einmal zur Volksarmee für drei Jahre eingezogen, aber es galt dem gesellschaftlichen – weniger einem individuellen Plan – zu entsprechen. Wie unterschiedlich das heute ist, sehen wir an allen möglichen Stellen: ob in der Erziehung, im Konsum oder in der Lebensführung. Die Freiheit, die Selbstbestimmtheit, ja die Autonomie des Menschen scheint zum primären Gebot unserer westlichen Gesellschaftsordnung zu gehören. Zugleich habe ich noch nie so viele Gedanken zur gesellschaftlichen Entwicklung geteilt, wie mit Menschen aus Sachsen. Claudia und ich stimmen über das Gespräch ein über die Digitalisierung. Nahezu bei jede(r)/m Fahrer/in stoßen wir auf dieses Thema. Selten haben Menschen die Sorge vor der Entfremdung so sehr mit mir geteilt wie hier. Gedanken wie: “Es macht mir Angst, dass ich bei dieser rasanten Entwicklung meine Ansprüche nicht mehr geltend machen kann. Warum? Weil ich Internet zum Online-Banking brauche und die Bankangestellten nicht mehr persönlich erreichbar sind, weil Steuererklärungen nur noch online gehen, ich nur noch über Apps und digitale Chips bezahlen kann und Schüler/innen bei den Hausaufgaben Alexa – statt ihre Eltern fragen”.

Lutz und ich laufen mit einfachen Handys durch die Welt, ich besitze keinen Laptop und wir brauchen dringend überzeugende Argumente für unsere Lebensführung. Ich höre zum ersten Mal nicht nur resignierte Aussagen wie: “Diese Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten.” Oder “Das ist heutzutage einfach anders”. Oder “Wenn du das nicht hast, bist du außen vor.”

Hier erlebe ich ein Familienhaus bei Claudia, wo das Handy wie der Autoschlüssel beim Betreten ins Haus in eine Box fällt und nicht zwischen den Menschen steht, sondern Beziehung …. Es wird geredet, gelacht und Geschwister nehmen sich in den Arm. Bin ich im falschen Film?Claudia ist Sozialpädagogin, Knut ist Leiter eines Forstbetriebes – beide haben verstanden, was es heißt, Familie zu sein, Geborgenheit und Liebe zu schenken und durch die Gastfreundschaft Menschen an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Ich frage mich, ob es nicht einfach reicht zu sagen: Claudia´s Familie ist das Argument gegen die Digitalisierung!

Aber was nun mit den AFD – Wählern?

Vor einigen Monaten gab es in dem Ort, in dem Knut und Claudia leben, eine Petition gegen die Flüchtlingsunterkunft. Die Beiden waren die Einzigen, die gesagt haben: “Wir unterschreiben nicht gegen Menschen”.

Aber woher diese Unzufriedenheit? Knut setzt an und kommt auf die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) zu sprechen. “Den Menschen ging es da schon gut”. Auch erinnere ich mich im Erzgebierge an eine 85-Jährige, die berichtete, dass ihr Gästehaus 1989 an die Treuhand abgegeben wurde. Seitdem ist die Wirtschaft in Besitz einer holländischen Familie. Es galt das Prinzip: Wer den höchsten Preis zahlt, kommt in Besitz. Aber die einfachen Leute haben sich nach der Wende umorientieren müssen. Der Staat war auf einmal nicht mehr für sie da. Nur in die größeren Städte floss das Geld, da sind schöne Fassaden zu sehen.

Ein ähnliches Bild erleben wir in Tschechien: Verlassene Häuser in den Dörfern, stillgelegte Sportplätze, renovierungsbedürftige Kirchen, verfallene Bäckereien und Drogerien – ersetzt durch einen Supermarkt am Ende des Dorfes. Jedes Haus ist ausgestattet mit einem Wachhund, in den Kleinstädten kaum Boutiquen, stattdessen Shops für kleine tschechische Krone.

Wenn Menschen in einer Gesellschaft das Gefühl haben, dass sie zunächst selbst einen höheren Standard erreichen, eine bessere Versorgung erhalten und mehr Menschen in Lohn und Brot bekommen müssen, dann ist die Akzeptanz für hilfsbedürftige Menschen wahrscheinlich geringer. Und zugleich, gibt es natürlich auch hier wie dort Menschen, die schlichtweg wehleidig sind und meinen, das Leben spiele ihnen ungerecht zu.

Am Ende gibt es das Lied von Gisbert zu Knypphausen: “Das Licht dieser Welt”. Es fasst etwas pathetisch meine gute Erinnerung an die Begegnung mit der Familie und mit manchen Menschen in Sachsen zusammen.