1. Etappe: Berlin und ein Besuch bei Champions ohne Grenzen

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Unsere Reise beginnt mit dem Bummelzug von NRW in die Hauptstadt. Berlin ist für uns am Wannensee erreicht, weil wir es kaum erwarten können bei einer Temperatur von 38° im Zug und 34° außerhalb des Zuges in einen kühlen See zu springen. Unsere Unterkunft für die kommende Woche: Die Familie meiner Schwester.

Die ersten Schritte zwischen den Bahngleisen und dem Seeufer mit voll bepacktem Rucksack lassen uns darüber nachdenken, was wir noch in Berlin zurücklassen, bevor wir mit ihnen Berge erklimmen wollen. Ein Zelt und Kochgeschirr werden für uns zu Luxusgütern, alles andere kaum weg zu denken.

Ein paar Tage bleiben uns jedoch noch für diese Entscheidung.

Am Abend kommen wir an und erfreuen uns an einem warm gekochten Essen. Tags darauf steigen wir auf die Räder: Heute wollen wir Champions ohne Grenzen (CoG) in Berlin-Kreuzberg besuchen, sind zum Training und für ein anschließendes Interview eingeladen. Wir wollen erfahren, was das Projekt, das vor zwei Jahren mit dem Integrationspreis ausgezeichnet wurde, ausmacht und was sich seitdem verändert hat. Mit zwei Drahteseln durchqueren wir die Hauptstadt – schon jetzt sind wir erschöpft von 20 km Rad fahren.

Am Tor des FSV Hansa 07 nehmen uns Arne und Sofi in Empfang. Sie – die Trainerin des am längsten bestehenden Angebots von CoG – er Projektinitiator und Sozialarbeiter. Beide sind Ansprechpartner für die Geflüchteten, die aus der Umgebung zum offenen Fußballtraining kommen.

Nachdem die Flyer der neuen Projektinitiative „start 2 coach“ gedruckt sind, bekommen wir Gelegenheit, die beiden mit vielen Fragen zu löchern, die uns aus der eigenen Projekterfahrung interessieren.

„Wir wussten am Anfang gar nicht, auf was wir uns da eingelassen haben“ oder: „Wir sind eigentlich auf vieles völlig unvorbereitet gewesen“, sind immer wiederkehrende Ausdrücke, wenn wir danach fragen, wie es zu diesem Projekt gekommen ist.

Seit 2013 besteht nun das Angebot beim FSV, das für alle Menschen offen ist und dennoch insbesondere von jungen Männern angenommen wird. Es sind genau wie bei uns in Freiburg stärker Gruppen mit einer gemeinsamen Ethnie – ähnlich gelebter Kultur, die sich in einem Angebot zusammenfinden – als gäbe es zwischen ihnen ein heimliches Übereinkommen.

Am Anfang von CoG war schlicht das Ziel, ein Fußballtraining für Menschen anzubieten, die einen schwierigen Zugang zum Vereinstraining haben. Damals gab es viele Menschen aus Brandenburg, die aufgrund der Residenzpflicht keine Deutschkurse in Berlin besuchen durften. Eine Vereinsmitgliedschaft macht dies allerdings möglich, was CoG für diese Menschen in einem zweiten Schritt erreichen wollte. Zusammen mit einer Beratungsstelle für die Geflüchteten wollten sie sich auf den Teil des Fußballs konzentrieren. Daraus wurde jedoch nichts.

Die Beratungsstelle überließ das Feld ihnen und so wurde CoG zum Ansprechpartner für Angelegenheiten rund um Asyl, Anträge, Vereinsmitgliedschaft oder bürokratische Fragen. CoG wurde zu einer Plattform, die neben Menschen mit fußballerischem Knowhow auch Sozialarbeiter und Pädagogen benötigte. Sie brauchten Antworten auf den „strukturellen Rassismus“, mit dem ihnen der Fußballverband Steine in den Weg legte und die Mitgliedschaften verhinderte. Spielerpässe wurden immer wieder nicht bewilligt und manche Vereine lehnten per se neue Spieler ab – mit der Begründung, sie seien schon voll. Heute, sagt Arne, haben sie mehr Informationen und ein größeres Wissen über die Abläufe.

2018 kooperiert CoG mit verschiedenen Vereinen in Berlin – mal mehr und mal weniger problemlos. Beim FSV gelingt die Kooperation sehr gut. Seit Jahren bekommen sie eine freie Trainingszeit pro Woche. Zwar sei 15.30 Uhr eine unattraktive Zeit – aber immer mehr junge Männer laufen durch das Tor an uns vorbei, begrüßen Arne und Sofi respektvoll und zugleich sehr familiär. Teilweise unterscheiden sich die Begrüßungsgesten: Eine Umarmung, ein Händeschütteln, ein Fäuste gegeneinander halten, ein Arme ineinander verkeilen – in jeder steckt eine individuelle Wertschätzung und ein ehrliches Willkommenheißen – ein Aufgenommen sein in die Gemeinschaft. Das imponiert mir! Auch Lutz und ich werden von jedem Einzelnen erwartungsvoll begrüßt. Das Interesse reißt seit dem Flüchtlingshöhepunkt 2015 nicht ab, was sich auch durch viele neue Anfragen zeigt.

Dann geht das Training los: Es sind fast 30 junge Männer und drei TrainerInnen, die sich Gedanken gemacht haben zum heutigen Training. Frauen seien am Anfang mal dabei gewesen, aber schnell weniger geworden. Diese Erfahrung haben Lutz und ich in unseren Freiburger Gruppen, die gemischt waren, auch immer wieder gemacht. Der Wunsch ist: weniger Üben – mehr Spielen. Auch das kennen Lutz und ich allzu gut!

Beim anschließenden Handball-Kopfball werde ich als Frau bei jedem Angriff angespielt. Ich bin mir nicht sicher, ob aus einer wertschätzenden oder prüfenden Haltung heraus, aber es kommt schnell zu einer Verbindung.

Es folgt ein Parkour, der von Jedem tollpatschig durchlaufen wird. Umso größer zeigt sich der Ehrgeiz in den folgenden Spielen. Nach einer Weile frage ich nach einer Trinkpause, weil die Kehle trocken ist und die Sonne auf der Haut brennt.

Mary und Lutz beim CoG TrainingIch kann kaum glauben, dass einige der Männer Ramadan halten. Ich wage es kaum in der zweiten Hälfte, als sich bereits für mich die Spiele zäh hinziehen, über hitzige Bedingungen zu klagen. Stolz erfüllt mich bei meinem durchschnittlich höheren Laufpensum auch nicht. Vielmehr bin ich überrascht, wie leicht Gespräche zustande kommen: Mit Kevin aus einem afrikanischen Staat, der es vorzieht in langer, dicker Kleidung zu spielen (um abzunehmen) und Mohammed, der seit Anfang an im Projekt dabei ist und über „start 2 coach“ bereits eine eigene Kindergruppe trainiert.

Auch für dieses Projekt wäre es ein Segen, wenn die Durchmischung mit Einheimischen aus Berlin besser gelingen würde.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass die Praxis von CoG etwas besonders macht:

Es gibt hier das Gefühl von Nähe und Zuneigung, von ehrlichem Interesse – sowie Zeit, sich der Nöte und Probleme der Menschen anzunehmen. „Tschau Ali, grüß deine Frau ganz lieb von mir“.

Fantastisch, dass es hier nur am Rande um Fußball geht und vielmehr die Menschen im Vordergrund stehen; mit dem Ziel diese stark zu machen, individuelle Hürden als Herausforderungen zu betrachten und eine gelingende Integrationsgeschichte zu schreiben.