Andere Welten oder “Ich war mit Nr. 17!”

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Am 16.03.2018 ist für 12 Kinder des „Kick for Refugees“ Projektes ein ganz besonderer Tag: Das Bündnis “Willkommen im Fußball” organisiert passend zur Begegnung Freiburg gegen Stuttgart ein Zusammentreffen zwischen unserer Kick-AG und einer Sportgruppe aus Stuttgart, die im gemeinsamen Einlaufen mit den Profis ihren Höhepunkt findet.

 

Doch beginnen wir von vorne: Um 16:00 Uhr treffe ich meine Jungs vor unserer Turnhalle, wo bereits die erste Überraschung auf mich wartet: Zwei Kinder wurden kurzfristig krank und es gilt, spontan Ersatz zu finden, da wir uns beim SC-Freiburg mit 12 Kindern angekündigt haben und 11 davon als Einlaufkinder angemeldet sind. Zum Glück kann Achmed, der noch auf der Warteliste steht, schnell dazustoßen, sodass nur noch ein freier Platz gefüllt werden muss. Ich also flott mit dem Rad in das nahegelegene Wohnheim “Bissierstraße” in der Hoffnung, dort noch ein fußballbegeistertes Kind zu finden. Seit drei Jahren schon gehe ich jede Woche in der Bissierstraße ein und aus, doch immer wieder bewegt mich dieser Ort. Die Umzäunung und die Security-Checkpoints geben dem Wohnheim – neben der innerstädtischen Randlage direkt an der Bahnlinie – den bitteren Beigeschmack eines Ghettos. Hier werden Container abgerissen, dort neue Boxen gebaut. Grau sind sie mit ein paar gelben Streifen, die die metallenen Behausungen kaum wohnlicher wirken lassen. Müll liegt umher und der kleine Fußballplatz, auf dem wir vor drei Jahre das Training mit den Kindern begonnen hatten (bevor wir uns entschlossen, mit der Gruppe den nahgelegenen, öffentlichen Raum sportlich zu erkunden), liegt brach. Ein Mann wäscht auf den Wegen zwischen den Wohnblocks einen Teppich. Seine kleine Tochter – vielleicht ist sie vier Jahre alt – schnappt sich den Gartenschlauch, um mit ihm zu spielen. Doch sie kommt nicht weit damit. Ihr Vater holt aus und schlägt ihr grob von hinten in den Nacken. Es klatscht ganz kurz und ich zucke zusammen. Das Mädchen jedoch nicht. Sie weint nicht einmal, sondern geht bloß einen Schritt zur Seite. Manche Schläge tun erst Jahre später weh. Zudem ist das Alltag an diesem Ort und der Alltag erschreckt den Menschen nicht. Ich könnte hingehen und etwas sagen. Doch ich kenne dieses Bild zu gut, gehen nicht hin und sage nichts…, sondern begebe mich auf die Suche nach Mustafa, der eigentlich zu Hause sein sollte. Mustafa wohnt im Erdgeschoss einer der grau gelben Metallblöcke. Die Luft im Gang zwischen den einzelnen Zimmern ist dick, stickig, warm bis muffig, der Übergang zum Gestank fließend. Mustafa kommt mir am Eingang barfuß entgegen. “Hey Mustafa, wie gehts dir?” “Gut. – Fußball heute?”. “Nein wir spielen heute nicht Fußball, aber ich habe ein echt tolles Angebot für dich! Hast du heute schon was vor?” “Nee. Was denn?” “Wir gehen heute mit einer Gruppe ins SC-Stadion und dürfen mit den Spielern sogar auf dem Platz einlaufen. Ein Kind wurde leider krank und jetzt habe ich noch einen freien Platz. Magst du vielleicht mit?”… Mustafa wird zum Wirbelwind, eine Einverständniserklärung auf der Rückseite eines Einkaufzettels ist schnell improvisiert, seine Mutter blickt kurz von der Wasserpfeife auf, ich lache sie an und schon darf Mustafa mitkommen. Wenige Minuten später sitzt er auf meinem Fahrrad und ich jogge neben ihm her zurück zur Turnhalle, wo die anderen Kinder schon ungeduldig auf uns warten.

Die Straßenbahnfahrt ist dominiert von der Frage, welches Smartphone die besten Bilder schießt und ob man wohl Fotos mit den Spielern machen darf. In Littenweiler steigen wir aus und laufen von dort zur Fußballschule des SC-Freiburgs, wo wir pünktlich um 17:30 zum Start des Programms ankommen. Die Stuttgarter Gruppe verspätet sich ein wenig, sodass uns Zeit bleibt dem Nachwuchs beim Training zuzuschauen. Beeindruckt sind die Jungs, wie gut die Kinder hier Fußball spielen können. Die Trainer predigen zudem das gleiche, wie auch wir jede Woche: “Schnelle Pässe! Abspielen! Keine Alleingänge!”. Ich lächle ein bisschen. Als die Stuttgarter schließlich eintreffen werden wir auf der Tribüne von vielen wichtigen Menschen des SC-Freiburgs und des Fußballbündnis begrüßt und ich bin sehr stolz auf meine Truppe, die ausnahmsweise mal ganz mucksmäuschenstill ist. Danach geht es zum praktischen Teil des Tages über. Kleine Kennenlernspiele und ein kurzes Fußballmatch gegen die Kinder aus Stuttgart stehen auf der Agenda. Leider gibt es in der großen Fußballschule für uns keine freie Umkleide mehr, sodass wir uns auf dem Gang umziehen müssen, was einigen Kindern sichtlich unangenehm ist. Zudem ist für die knapp 30 Kinder nur der kleine Soccer Court reserviert und der Zeitplan sehr eng gestrickt, weshalb viel zu wenig Raum und Zeit zum anständigen Kicken bleibt. Ich kann den Unmut der Kinder gut verstehen, doch muntere sie auf, dass der eigentliche Höhepunkt des Abends ja erst noch kommt. Der SC-Freiburg lädt anschließend alle Gäste zum gemeinsamen Abendessen ein. Es gibt Salat und Nudeln mit Tomatensoße, was den holprigen Start der Veranstaltung schnell in Vergessenheit geraten lässt.

Danach machen wir uns in großer Gruppe – nun schon im Dunkeln – auf den Weg zum Stadion und stürzen uns ins Getümmel. Volle Straßenbahnen, Polizeitrupps, echte Pferde, große Busse, Stände mit Fanartikeln, klirrende Glasflaschen, viele viele Menschen und überall diese roten Schals. Für einige unserer Kinder ist es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie ins Stadion gehen. Ich habe Angst einen der Jungs in den Menschenmassen zu verlieren, doch mit vereinter Hilfe aller Betreuer gelingt es dann doch die Gruppe sicher in den exklusiven Bereich hinter der Haupttribüne zu schleusen. Hier wird es spannend und die Aufregung steigt. Wir werden von unserem SC-Begleiter Manuel in das Hauptgebäude geführt und finden uns in einer Umkleide wieder. Jetzt muss alles ganz schnell gehen. Für jedes der Kinder ist eine komplette Garnitur aus Freiburger Trikot, Hose und Socken bereitgelegt (die wir – trotz häufiger Nachfrage Seitens der Kids – leider doch nicht behalten dürfen) und nachdem auch der letzte Strumpf sitzt, geht es direkt hinaus ins Stadion. Riesige Scheinwerfer erleuchten das Kolosseum taghell, da sind tausende Menschen, bunte Fahnen so groß wie Segel, laute Musik aus mächtigen Lautsprechern, Bildschirme so groß wie Häuserwände, der heilige Rasen zum Greifen nah und darauf die Spieler, die gerade noch die letzten Aufwärmübungen ausführen. “Lutz, mein Herz schlägt ganz ganz stark.”, sagt Assis, der im Training häufig den Ton angibt. “Alles gut Assis, das ist ganz normal, ich bin auch ein bisschen aufgeregt.”, sage ich und klopfe ihm auf die Schulter.

Dann ist es endlich so weit. Die Kinder stellen sich in einer Perlenkette der Reihe nach auf und dürfen dann zu den Spielern in den Tunnel hinabgehen. Ich bleibe am Spielfeldrand zurück und hoffe, dass jetzt ja alles gut geht. Auch Marie und Johannes – unseren fleißigen Begleiter (und selbst eingefleischten Freiburgfans) – steht die Freude ins Gesicht geschrieben, so nah an ihren Idolen sein zu dürfen. Sie halten die Kameras in den Tunnel und machen so viele Bilder wie möglich von den Kids, die an den Händen der SC-Spieler aufs Spielfeld hinauslaufen. Ganz kurz steht unser Team im Rampenlicht und jedes Kind fühlt sich für einen kleinen Moment wie ein richtiger Profi. Dann sprinten sie zurück in den Tunnel, während draußen das Spiel beginnt.

“Ich war mit Nr. 17! Ich war mit Nr.17!”, sagt Mohammad immer wieder und auch ich freue mich wie ein Kind, als ich in die leuchtenden Gesichter der kleinen Freiburger-Spieler schaue. Manche unserer Kinder haben den Krieg in den Augen, bleibend wie ein zu langer Blick in die Sonne. Doch in solchen Augenblicken verschwindet der Krieg für einen kurzen Moment. “Stark! Wirklich klasse habt ihr das gemacht! Ihr hättet gleich da bleiben und mitspielen können!”, sage ich. Nach diesem Erlebnis wird das anschließende Fußballspiel zur Nebensache und auch die 2:1 Niederlage des Freiburger Clubs rückt schnell in den Hintergrund. Auf dem Heimweg bleiben die individuellen Erfahrungen während des Einlaufes das bestimmende Thema. Ibu strahlt: “Ich habe zu Petersen gesagt, dass er ein Tor machen soll und dann hat er eins gemacht. Petersen macht alles, was ich ihm sage.” Und Mohammad, der zum ersten Mal im Stadion war, sagt unentwegt “Ich war mit Nr. 17! Ich war mit Nr.17!”, das er den Namen des Spielers gar nicht kennt, spielt für die Tiefe der Erfahrung gar keine Rolle.

Gegen Mitternacht setze ich die letzten Kinder im Wohnheim in der “Merzhauserstraße” ab. Kadim sagt stolz: “Hier wohnen wir. Wie sind sieben Personen in der Familie und haben vier Zimmer für uns ganz alleine und eine eigene Küche!” Das Flüchtlingswohnheim “Merzhauserstraße” sieht in der Tat wesentlich wohnlicher aus, als viele andere Unterkünfte und doch bleibt es eine ganz andere Welt.

Bericht: Lutz Bronn